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Erinnerungen an Roman

Irgendwie warst du anders. Ich kann nicht einmal behaupten, dass du mir rundum sympathisch warst, aber vielleicht war es gerade diese Andersartigkeit an dir, die mich anfangs anzog. Es muss während unserer Klassenfahrt nach London gewesen sein. Sämtliche Jungs in unserer Klasse trugen damals die gleiche, unauffällige Kompromissfrisur, die dem eigenen Wunsch nach langen Haaren und den diesem Wunsch entgegen stehenden Vorgaben des Elternhauses entsprang. Heut zu Tage sind sowohl bei Frauen wie bei Männern glatt rasierte Köpfe genauso wenig spektakulär wie hüftlange Pferdeschwänze, aber Ende der 70- er Jahre sorgte in einer fränkischen Kleinstadt der rasierte Schädel eines Heranwachsenden für reichlich Gesprächsstoff.
Es war daher weiter nicht verwunderlich, dass sich damals im Bus sofort alle Augen auf dich richteten, als du deine selbst gestrickte Mütze abnahmst und statt deiner gewohnten Naturkrause eineinhalb Zentimeter lange Haarstoppel zum Vorschein kamen.
Junge Männer im Alter zwischen 16 und 17 Jahren sind bezüglich eines opportunen Erscheinungsbildes leider alles andere als tolerant und dem entsprechend verletzend waren wohl auch die Kommentare, die in der Folgezeit auf dich niederprasselten.
Du aber hast dies alles mit einem überlegenen, fast arrogant wirkenden Lächeln über dich ergehen lassen und schienst die Situation fast zu genießen.
Es war wie so oft – während wir uns gerade vorsichtig neuem genähert hatten und langsam begannen uns darin heimisch zu fühlen, warst du schon wieder einen Schritt weiter.

War es in diesem Fall die konsequente Beendigung der frisurtechnischen Späthippiephase, so stellte ich im Laufe der folgenden Jahre fest, dass dies auch für viele andere Lebensbereiche gelten sollte.

Noch gut kann ich mich zum Beispiel an mein Entsetzen erinnern, als du uns eines Abends im heimischen Partykeller hast wissen lassen, dass Hermann Hesse einem wirklich intellektuell interessierten Leser im ausgehenden 20. Jahrhundert außer romantischer Wohligkeit nur sehr wenig zu geben hat.

Um überhaupt noch als ernst zu nehmender Gesprächspartner akzeptiert werden zu können, sollte man sich viel mehr auf Texte und Gedichte von Charles Bukowski oder Franz Kafka konzentrieren.

Die Sprengkraft einer solchen Aussage lässt sich heute kaum noch ermessen.
„Siddharta“ und „Narziss und Goldmund“ waren von uns zwar allenfalls bruchstückhaft verstanden worden, aber trotzdem oder vielleicht auch gerade deshalb zu einer Anleitung für ein selbst bestimmtes und den materiellen Zwängen der Gesellschaft enthobenes Leben geworden.
Allein schon den Wert dieser Bücher überhaupt in Frage zu stellen, hatte etwas Blasphemisches an sich, sie dann aber auch noch amerikanischen Schmuddeltexten und dem unverständlichen und überhaupt nicht meditativen Zeug eines schwindsüchtigen Tschechen unter zu ordnen, war unverfroren und stürzte uns in heillose Verwirrung.

Kaum hatten wir in den folgenden Monaten heimlich „Fuckmachine“ gelesen und uns mit Gregor Samsa durch „Die Verwandlung“ geekelt, warst es kurze Zeit später erneut du, der unser Weltbild zum Wanken brachte.
„Bands wie Pink Floyd, Genesis und Jethro Tull sind tranige alte Onkels“ behauptetest du mit ernster Miene plötzlich eines sonnigen Nachmittags im Freibad.

Da das Anhören progressiver Rockmusik und der Besitz von LPs wie „Wish you were here“, „Foxtrott“ und „Thick as a brick“ eine der Grundfesten unseres Elitebewusstseins war, musste man ob so einer Behauptung ernsthaft an deiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln.
Das umso mehr, als du uns als Ersatz für unsere bisherigen Referenzwerke die Debüt-Alben der „Ramones“ und der „Sex Pistols“ und wenn es denn schon unbedingt alter Kram sein musste, auch noch die Live-Aufnahmen von „MC5“ oder den „Stooges“ ans Herz legtest.

Deine Empfehlung die filigranen Klangtüfteleien von „Shine on you crazy diamond“ gegen die Dreitonmelodie von „Blitzkrieg Bob“ und ein psychadelisches Meisterwerk wie „Supper´s ready“ gegen das anarchistische Gebrüll von Johnny Rotten einzutauschen, führte in der Folgezeit zu einer spürbaren Abkühlung unserer Freundschaft.

Bis ich feststellte, dass Punkrock auch in mir ein bis dato ungekanntes und prickelndes Lebens-gefühl zu wecken vermochte, gingen einige Monate ins Land.
Irgendwann war es dann aber soweit, dass ich zu einem Kneipentreffen mit einem „XTC“-Sticker an der Jeansjacke erschien und anlässlich einer Party sogar ein ausgebeultes altes T-Shirt mit dem selbst entworfenen Aufdruck „I hate discomusic“ trug.

Nicht dass ich oder sonst jemand aus unserer Clique wirklich der Punkszene nahe gestanden wäre, aber dieser betörende Geschmack von Aufruhr und wohl kalkulierter Provokation weckte ein Gefühl von Männlichkeit und Kraft, das manche von uns bisher so nicht gekannt hatten.

Kann man sich in einer solchen Gemütsverfassung etwas entwürdigenderes vorstellen als sich zu verkleiden und auf eine Theaterbühne zu stellen ?
Ohne ein Wort davon zu erzählen, warst du urplötzlich der Theatergruppe an unserer Schule beigetreten, um zusammen mit dem Gauloise rauchenden Vertrauenslehrer ein Woody-Allen-Stück zu inszenieren.
Da hierzu ein großer, dürrer Schauspieler benötigt wurde, hattest du tatsächlich den Nerv mich zu fragen, ob ich nicht als persiflierter Dracula auftreten möchte.

Du hättest mich damals ebenso gut fragen können, ob ich nicht Lust hätte in College-Schuhen und in Bundfaltenhose mit einer der langweiligen Zicken aus dem Musik Leistungskurs Minigolf spielen zu gehen.
Es gibt Dinge auf dieser Welt, die man als Mann, der von seiner Umwelt ernst genommen werden will, einfach nicht tut und eines davon ist, sich vor Publikum zum Clown zu machen.

Anscheinend hatte ich verpasst, dass sich die Zeit der zerrissenen Jeans und fettigen Lederjacken für dich bereits wieder dem Ende entgegen neigte und war deshalb etwas verwundert, dass statt dessen von dir jetzt vordringlich kritische Intellektualität gefordert wurde.

Trotz ernsthaften Bemühens war es mir aber schlichtweg unmöglich deiner Argumentation zu folgen, wonach es aus Sicht der kulturellen Kreativität weitaus sinnvoller wäre sich aktiv in der Theaterszene zu betätigen denn Kunst nur in Form von Rockmusik oder Literatur zu konsumieren.
Ein größeres Zerwürfnis zwischen uns konnte letztlich nur dadurch vermieden werden, dass ich zusagte mich wenigstens künftig als Musik-redakteur der Schülerzeitung zu versuchen.

Obwohl du ein gleichaltriger Mitschüler von mir warst, platzte ich fast vor Stolz als du in der Woche darauf meine säuberlich getippten Plattenrezensionen für gut befandest und mich zum nächsten Redaktionstreffen der „Anstaltsnachrichten“ einludst.
Durch die Besprechung völlig verkannter LP-Neuerscheinungen wie „Rastakrautpasta“ von Moebius und Plank oder „Stonehenge“ von Chris Evans und David Hanselmann konnte ich unseren Mitschülern und Lehrern nicht nur ihre bemit-leidenswerte Ignoranz vor Augen führen, sondern mir dadurch auch ein völlig neues Selbstwertgefühl schaffen.
Wir verbrachten deshalb in der Folge soviel Zeit zusammen wie nie zuvor.

Ich wäre mit mir und der Welt damals wirklich zufrieden gewesen, wenn nicht in mir zunehmend Zweifel laut geworden wären, ob meine LP-Rezensionen und Konzertkritiken jemals deinen selbst geschriebenen Gedichten ebenbürtig sein können.
Die Zeit, in der deutsche Literatur Langeweile und Schrecken verbreitet hatte, war für mich spätestens seit der Klassenlektüre „Die neuen Leiden des Jungen W.“ Vergangenheit, aber eigene Gedichte zu verfassen und – was noch undenkbarer war – diese abdrucken und von anderen Leuten lesen zu lassen, war ein neuerlicher Beweis deiner Sonderbarkeit.

Ich gebe es zu, du hast mich trotz dieser Bedenken durch deine schriftstellerische Tätigkeit damals tief beeindruckt und auch ich versuchte deshalb ab der Zeit in meinem grünen Ringbuch lyrische Texte zu verfassen, war aber ängstlich darauf bedacht, dass diese Werke um Gottes Willen niemand zu Gesicht bekam.

Soweit ich mich erinnern kann, waren deine schulischen Erfolge zwar weit weniger spektakulär als die Anerkennung, die dir als Schauspieler und Autor widerfuhr, aber sie waren letztendlich dann dennoch tragfähig genug, um ohne ernsthafte Gefahr des Scheiterns durch das Abitur zu kommen.

Und dann war es soweit – die Zeit der nicht endenden wollenden Abiturfeste begann.
Sommer, Bier – viel Bier -, grillen, AC/DC, Mädchen und dieses Gefühl im Bauch, dass die Welt gerade erst und zwar in erster Linie für uns erschaffen worden sein musste.
Selbst unsere Eltern schienen diesen Lebensrausch lächelnd zu billigen und hielten sich mit Aufrufen zu Mäßigung auffallend zurück.

Ich und viele andere Jungs hatten zu der Zeit bereits seit einigen Wochen den Einberufungs-bescheid zur Bundeswehr im Schreibtisch liegen.
Zwar war mir klar, dass dadurch irgendetwas schwer Kalkulierbares auf mich wartete, aber wen kümmert das wirklich, wenn man sechs Wochen prallen Sommers vor sich hat.
Gut – ganz tief im Innern kreiste bereits zu der Zeit eine blasse Ahnung, in Form einer eher harmlosen Blähung in mir, dass wir irgendwann die Rechnung für das sorglose Leben würden zahlen müssen und dass der Grundwehrdienst in der fernen Eifel unter Umständen auch weniger beeindruckend werden könnte, als es jetzt noch war, den Mädchen von dem anstehenden Fronteinsatz zu erzählen.

Hauptsache war und blieb die berauschende Tatsache, dass die Schule endgültig vorbei war und vier Wochen Freiheit mit Rucksack und Isomatte in Griechenland vor mir lagen.
Ich weiß noch genau, dass an dem Tag die Sonne schien und ein kühler Sommerwind über die Bahnsteige wehte, als ich mit zwei Freunden den Zug in Richtung Athen bestieg.
Es war eigenartig, trotz aller Vorfreude auf das südliche Leben, hatte ich ab diesem Moment das Gefühl, dass eine Uhr leise in mir zu ticken begonnen hatte.
Je mehr die Euphorie des Aufbruchs und des Reisens unter den schäbigen griechischen Pensionszimmern und dem morgendlichen Schafskot an der Isomatte litt, desto deutlicher spürte ich tief in mir ein imaginäres Pendel schlagen.

Irgendwie war ich daher insgeheim sogar froh, als wir nach zwei Wochen die griechischen Inseln verließen und aufs Festland zurück kehrten, um uns dort mit Jochen aus dem Leistungskurs Griechisch zu treffen.
Ein altbekanntes Gesicht in dem unfreundlichen und Smog geschwängerten Athen zu erblicken, dämpfte für einen kurzen Augenblick das Ticken in der Magengegend.
Und dann, nach einer seltsam verhaltenen Begrüßung stelltest du die trockene Frage „Habt ihr das vom Roman schon gehört – der hat ´nen Unfall gehabt und ist tot !“

Ich weiß nicht mehr was ich darauf geantwortet habe oder was wir an dem und den folgenden Tagen in Griechenland noch gemacht haben.
Ich weiß auch gar nicht mehr wie lange wir danach überhaupt noch unterwegs waren, ich weiß nur noch, dass ich von da an wie von einem Stromschlag gelähmt war.
Die quälende Ahnung, dass mit der Abiturreise nicht nur die Schulzeit zu Ende ging, sondern auch die Zeit des unbeschwerten Erwachens hatte sich plötzlich zu entsetzlicher Gewissheit verdichtet.

Nach Hause zurück gekehrt blieben mir nur noch wenige Tage bis zum Einrücken in die Kaserne und als ich dann dort die steinernen Waschbecken im Duschraum sah, wurde mir endgültig klar, es ist vorbei.

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