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I. Ankunft

Angekommen zwischen blühenden Akazien
und gierig rankendem Wein

Ein erster Gang durch kühle, enge Gassen

Fremde Klänge hallen wider von nacktem Stein

Tausend Versprechen schweben in der
vom Sommerregen satten Luft
und perlen tropfend an mir ab

II. Saint-Laurent-des-Arbres

Zu Stein gewordene Zeit
lächelt träge in die Sonne

Staubbedeckte Hunde bewachen dunkle Tore
zu verwunschenen Gärten
und träumen Gewesenem hinterher

III. Auf dem Weg nach Tavel

Aus dem zarten Grün
zierlicher Weinstöcke
recken schlanke Zypressen ihre spitzen Köpfe
rot entzündeten Abendwolken zu

Der Mohn am Rand der Felder
wiegt sich im lauen Abendwind
langsam in den Schlaf

IV. Ausflug

Durch enge Schluchten aus Platanen
zu harten Wäldern aus verwachsenem Gesträuch

Stahlblau peitscht der Mistral
das staubige Land

Auf braunen Äckern aus groben Kiesel
suchen Eidechsen Schutz
unter bizarr verfallenem Gemäuer

Vipern verhuschen lautlos im steinigen Gras

V. An der Küste

Verblichenes Licht steht über leeren Wiesen

Vergessenes, achtlos vom Meer zurück
gelassenes Land

Rostige Ungeheuer bewachen den Ozean,
der unwirklich in der Ferne gleist
und jagen uns mit trockenem Fauchen
über glasig flirrende Pisten aus kochendem Asphalt

VI. Nach der Lektüre eines Buches über
die letzten Tage von Jim Morrison in Paris

Eine Karussellfahrt rasend schnell
auf der Jagd nach Schatten von Baudelaire und Rimbaud

Schneller, immer schneller drehen sich
die bunten Lichter von Paris

Fratzenhaft taucht lange schon Vergangenes auf
und fletscht Hohn lachend
die vom Nikotin vergilbten Zähne

Die billige Jahrmarktsmusik verschwimmt
zu einem schmerzhaft lang gezogenem Klagelaut,
der sich nach und nach im süßen Leichenduft
der Festtagsluft verliert

VII. Zwischenbilanz

Obwohl mein ganzes Leben lang
auf genügend Sicherheitsabstand bedacht,
bin ich mir zu schwer geworden
und in mich selber eingebrochen

VIII. Mittagsschlaf im Zaubergarten

Sitzend im kühlen Schatten des alten Feigenbaums,
umspült von dunklem Taubengurren und fernem Kinderlachen
trägt mich der schmeichelnd süße Honigwind
weit über ockerfarben glühende Dächer
in mittagschwere Weinfelder hinaus

Das Dorf klein unter mir
hat sich als schlafende Schildkröte
tief in seinem verkrusteten Panzer versteckt

Farbiges Insektensummen
und würzig klingende Sommerdüfte
bringen von den dunstig fernen Hügeln
selige Kindertage zu mir zurück

VIII. Melancholie

In mitten unbeschwerter Stunden
siehst du urplötzlich
die Gegenwart in dunkle Erinnerung gerückt

Ein Mehltau aus dünnem Schmerz
liegt auf dem Tag und dämpft
das noch eben helle Sonnenlicht

IX. Regentag im Tal der Beaume

Unter kalten Regenschauern
zieht das noch gestern sommerhelle Tal
erschrocken seinen Mantel enger

Die geduckten Häuser
blicken grimmig auf
düstere Kastanien
und die in nebelige Sphären
entrückten kahlen Gipfel

Ein schüchterner Strahl
der letzten Abendsonne jedoch hat genügt
um kurz vor dem Vergehen des Tages
alles wieder neu mit frischer Farbe zu befüllen

Die Wälder schütteln die schweren Nebel
aus dem Fell und beginnen wieder leis zu atmen

X. Wintergedanken im Mai

Ein Schlittschuhläufer in mitten
eine fremden Sees

Ringsum graue Eisfläche vor
konturlos, leerem Horizont

Niemand weiß, ob es ein Ufer gibt

Allein muss jeder für sich das dünne Eis ertasten,
auch wenn der Weg ins Leere führt

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