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Menschen, die keine Briefe gewechselt haben, kennen einander nicht.

Konstantin Raudive

Über die Entfernung zwischen Freunden finden wir bei Arthur Schopenhauer und Clemens von Brentano widersprüchliche Auffassungen. Bei näherer Betrachtung will es allerdings scheinen, daß zwischen beiden Ansichten dennoch keine unüberbrückbare Kluft besteht, wenn die freundschaftliche Verbundenheit schriftlich im Gedankenaustausch fortdauert. Schopenhauer, der wie Nietzsche Zweifel in die Möglichkeiten der Freundschaft setzte, glaubt, „daß Menschen, die wir nicht sehen, wären sie auch unsere geliebtesten Freunde, im Laufe der Jahre austrocknen, wodurch unsere Teilnahme an ihnen mehr und mehr eine bloße vernünftige, ja traditionelle wird.“ Er fährt fort, daß die lebhafte und tiefgefühlte Freundschaft denen vorbehalten bleibe, die wir vor Augen haben. In gewissem Umfange wird man der Erfahrung Schopenhauers zustimmen müssen, insbesondere dann, wenn die Wurzeln einer freundschaftlichen Verbundenheit nicht aus tieferen Schichten ihre Kräfte ziehen. Dagegen steht die Meinung von Clemens von Brentano, daß Freundschaft nicht heiße „zusammenhängen und zusammensitzen“. Für ihn ist Freundschaft „groß und frei und liegt im Gedanken, für den jeder Raum gleich nah ist.“

Wo die auf persönlicher Affektifität beruhende Sympathie überwiegt, mag Schopenhauer recht behalten, Clemens von Brentano dagegen für diejenigen Bindungen, die ihren Ursprung im geistigen Bereich finden, wie auf uns überkommene Briefe der Freundschaft vielfältig erkennen lassen.
In einem Essay über den Brief teilt der Philosoph Ernst Horneffer seine Ansicht.
Er ermuntert uns, den Reichtum von Erlebnissen, Schönheiten und Freuden nicht achtlos vorübergehen zu lassen, sondern für den Freund und nicht zuletzt auch für uns selber im Brief festzuhalten. Seine Betrachtung schließt mit der Aufforderung: „Und wenn du abends nach der Tagesarbeit zu müde und abgespannt bist, um einen Brief zu schreiben, einen Brief mit Inhalt, der von deinem Sinnen und Träumen, Empfinden, Wünschen, Hoffen, Sehnen Kunde gibt – warum erhebst du dich nicht in der Frühe, um in der Frische des Morgens bei noch unverbrauchter Kraft deinem Freunde etwas von deinem Inneren kundzutun? Das ist keine Zeitverschwendung, ist auch keine Kraftvergeudung. Die Wärme des Gefühls, die gehobene Stimmung deiner tiefen Seelenkräfte wird auf deine Tagesarbeit ausstrahlen, du wirst freudiger arbeiten und in dieser frohen Arbeit Besseres leisten.

Der Brief sei dir ein Fest! Dieses Fest darfst du dir gönnen. Ein griechischer Weiser sagte: „Ein Leben ohne Feste ist wie eine Wanderung ohne Herberge!“

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