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Rundbrief aus Albanien

Heisses Blut unter der Spätsommersonne

Liebe Schwestern und Brüder, liebe Freunde in der Heimat

Von Herzen grüsse ich Euch nach der Sommerpause. Wir sind gut eine Woche zurück und warten sehr auf Regen. Die Natur ist ausgetrocknet und in den Bergen brennen die Wälder. Gott sei Dank haben wir im Tal noch Wasser und unser Garten kann gegossen werden. Und wir sind dankbar um das lebendige Grün, das uns da umgibt. Wir ernten Obst und Himbeeren und die Rosen blühen noch im glühenden Abendrot der untergehenden Sonne.

Leider hat auch seit Wochen der Tod seine grosse Ernte hier. Wir trauern um die unschuldigen Opfer der Blutrache. Wir können nicht verstehen und oft haben wir nur noch ein stummes Gebet zum Himmel. Irena, Mri, Syka unsere Mitarbeiterinnen die in Blutrache leben, haben tief sitzende Angst um Männer, Söhne und Brüder. Die Angst ist berechtigt, denn es scheint, dass das Blut der Rächer „heiss geworden“ ist, wie die Albaner sagen. Es scheint, dass auch das Mindestvertrauen in das Wort des andern zerbrochen ist, seit der Blutrachemord an Mari geschah. Der Kanun gibt nicht mehr die Sicherheit der klaren Vereinbarungen. Es scheint uns wie ein unkontrollierbarer Blutrausch, dann wieder wie ein Zwang, das Blut zu rächen.

Da ist der getötete Gjini. Er ist unter der Erde. Sin Bruder Xevahir wurde angeschossen. Dafina, seine Tante. arbeitet ja bei uns. Sie sind alle in der Sippe total geschockt. Irgendwie hat keiner mit der Rache gerechnet. Paulini, Dafinas Sohn, war nach Griechenland geflohen, nachdem die Besa für sie aufgehoben war. Besa ist eine Freistellung der Rache vom Rächer für eine bestimmte Frist. Paulini war noch nicht richtig in Griechenland angekommen, dann hat Lazer geschossen – direkt vor dem Haus wurde Gjini exekutiert. Nun will die Sippe wieder rächen – die Ehre herstellen – wegen der Verletzung von Xevahir. Es wirkt alles wie ein furchtbarer Zwang, ein unabdingbares MUSS, das nicht durchbrochen werden darf und kann. Kinder sind da hineingeboren und werden unerbittlich auf ihre Pflicht hin erzogen. Ich spreche mit Ricardo, dem kleinen Jungen von Dafina. Er war gerade 10 Jahre alt. Ricardo hat seinen toten Cousin gesehen und erzählt mir genau von seiner Kopfwunde, auch dass er in der Nacht Angst habe. Einen Tag vorher hat Ricardo die Koffer gepackt, um zu seinem nach Amerika geflohenen Vater zu gehen. Ich bin mit Ricardo auf der Haustreppe und habe ihn im Arm. Plötzlich verändert er sein Kindergesicht und wird unglaublich hart im Ausdruck. Er blickt wie nicht anwesend in die Weite und wirkt entschlossen. Mir ahnt etwas und ich frage ihn: „Ricardo, ehrlich, was denkst Du zur Blutrache?“ Er nickt, als habe er genau auf diese Frage gewartet, stellt sich auf die Füsse vor mich hin und erklärt mit wildem Entschluss, dass er klar seinen Cousin rächen wird und kommentiert: Zwei für einen, das gehe überhaupt nicht. Klar wisse er, dass Gott nicht will, dass man rächt, aber eben: man müsse es tun. Er erklärt mir auch, dass töten und schiessen gar nicht so schwer ist und zeigt mir gestikulierend wie man anvisieren und abdrücken muss.

Ich sage nicht, dass ich dieses Erlebnis mit Ricardo schon wirklich verarbeitet habe. In diesem Moment jedoch versuchte ich, einigermassen ruhig zu bleiben. Ich sagte zu Ricardo, er möge sich wieder setzen, ich möchte mich gerne mit ihm weiter darüber unterhalten. Er ging darauf ein und sein „heiss gewordenes Blut“ – wie die Albaner sagen, beruhigte sich relativ schnell. Ich sagte: „Ricardo, du findest, dass töten eigentlich ganz leicht ist. Ok, ich habe da eine andere Meinung. Aber man muss ja nicht immer das Leichteste tun. Man könnte das Bessere tun. Und besser, wenn auch schwerer wäre doch, nicht mehr zu rächen, so dass deine Familie und du in Frieden leben kann, und der Blutrache in Albanien vielleicht mal ein Ende zu machen. Was meinst Du dazu?“. Er schaut mich an und sagt: „Ja, besser und schöner wäre es schon, aber das geht ja nicht, das Blut muss gerächt sein“. So sagt mir ein gerade zehn Jahre alt gewordener Junge.

Ich sage: „Guck, Ricardo, dort wo dein Papa ist, gibt es keine Blutrache. Deshalb willst du dahin. Warum sollte es in Albanien nicht ohne Blutrache gehen? Wenn du tötest, geht es weiter, wenn du Frieden schliesst, dann geht es nicht weiter und Ihr seid frei. Hast Du nicht Lust, zu lernen, wie man ohne Blutrache leben kann, hast Du nicht Lust, gegen diese Rache etwas zu tun? Das ist vielleicht viel schwieriger und dauert viel länger, ls jemand abzuknallen, aber du sagst ja selbst, das es besser wäre“. Ricarda sagt dann, er wolle schon lieber Frieden machen lernen. Und so beschliessen wir, dass wir eine Gruppe mit Kids aufmachen, die gegen Blutrache etwas unternimmt.

Dann ist da Edi, der 12-jährige Sohn von Irena und Sokol. Es geht Edi zur Zeit sehr schlecht. Seit seiner Kundgebung an der Demonstration in Shkoder gab es etliche Blutrachemorde. Edi weiss um alle und hat unglaubliche Angst um seinen Papa. Diese Angst ist nicht unbegründet. Heute hat Irena erzählt, dass Eduard gestern Abend zu ihnen kam und bat: „Papa, bitte hau ab ins Ausland, wir lassen dieses Haus und alles und wohnen dann bei Sr. Christina“. Welch eine Not, welch ein Schrei um Hilfe, und wir sind hilflos! Es ist grausam, wirklich grausam. Und da ist Klinsi, der 11-jährige Bruder von Christian. Er ist seit kurzem allein. Christian ist geflohen – Hals über Kopf nach einer Drohung in ein Land – irgendwohin. Wir vermissen ihn, Klinsi und seine Schwester Alda am meisten. Christian hat es nicht mehr derpackt. Das einzige, was er mitnahm, war der Rosenkranz und das Foto beim Papst. Mehr kann ich dazu nicht sagen – vor dieser Tragödie, die jetzt in dieser Familie ist, da kann ich nur schweigen und beten.

Und da ist Ardit. Sein Cousin mit Familie ist letzte Woche geflohen – auch ins Ausland. Nun ist Ardit allein die Zielscheibe der Rache. Das weiss er auch. Seine Mutter Mri bricht fast zusammen, sie ist nur noch Angst und will Ardit mit seinen 17 Jahren auch nicht mehr zur Schule lassen. Er wehrt sich, und sie haben Streit deswegen. Die bittere Enttäuschung über die Verwandten, die diese Flucht vor der Familie von Ardit verheimlicht haben, ist noch schlimmer als die Angst um Ardit. Ardit und Elsa erleben sich ausgeliefert und verraten. Morgen werde ich ihn und Elsa treffen. Ich kann ihm nicht sagen: „Geh trotzdem raus“, denn die Gefahr der Rache an Ardit ist durch die Flucht des Cousins akut. Was kann ich Ardit sagen? Gott allein weiss es. Vieles bewege ich zur Zeit in Bezug auf die Betroffenen im Herzen, in den Gedanken, meine Gebete sind still, manchmal schreie ich einfach nur zum Himmel. Und ich halte dann je daran fest: Rache ist tödlich, Liebe ist unsterblich. ER hat SEIN Blut vergossen – wir müssen und werden Wege finden, dass das heisse Blut der Rächer im geöffneten Herzen des Erlösers zur Ruhe kommt. Ich habe in den Augen von Ricardo auch die Sehnsucht gesehen, Frieden zu haben. Ich habe gestern einem Rächer unserer Jungs aus der Gruppe nach einem misslungenen Versöhnungsgespräch das Kreuzzeichen auf die Stirne gemacht, und dieser Mann hat dann mit Tränen in den Augen völlig überrascht aufgeschaut und gesagt: „ich komme wieder“. Wir können wenigstens weiter verhandeln –so Gott will mehr als das. Wir werden Ende September mit Edi und Klinsi und Ricardo ein Kinderkomitee gründen – gegen Blutrache, für Frieden und Versöhnung. So Gott will, ist es wenigstens eine kleine Entlastung für die betroffenen Kinder. So Gott will, dürfen wir eine Bewusstseinsänderung bei Ricardo anstupsen. Er wird dies seiner Mama und seinen Onkels sagen. Und am Montag bin ich bei der Sippe von Xevahir, dem verletzten Bruder von Gjini. Vor drei Wochen war die Sippe noch Opfer, jetzt wollen sie rächen.

Heute Früh beim Aufgang der blutroten Sonne ertappte ich mich beim Gedanken, ob die Sonne nicht getränkt ist von all dem Blut der unschuldigen Opfer dieser Rache. Und dann dachte ich an den Regenbogen, den wir vorgestern mit den Kindergartenkindern mit farbigen Tüchern auf den Boden gezaubert haben. Mit Bewunderung standen die Kleinen davor, und in den Gesichtern der Mütter sah ich Sehnsucht, vielleicht auch die Sehnsucht, den Bund des Friedens zu halten – gegen diesen Bund der Rache. Ich habe die Gesichter gesehen, und dieser Spur gehe ich nach, dieser Spur müssen wir folgen – und dieser Spur im Gesicht dieses Rächers, als er das Kreuzzeichen empfing. Und die Spur im Gesichtchen von Ricardo, der doch lieber Frieden möchte. Es sind winzige Spuren der göttlichen Gnade, die noch nicht erloschen sind und die wir aufspüren müssen – jeden Tag mehr.

Jeden Tag stehen viele, viele Menschen an der Klosterpforte. Die ganze Woche bettelten die Mütter um die Bezahlung der Schulbücher für die Kinder. Die Bücher werden jedes Jahr teurer und sind fast unerschwinglich für unsere Familien hier. Die Kinder werden ohne Bücher nicht in der Schule aufgenommen. Die Kranken warten auf die tägliche Öffnung der Ambulanz, teilweise schon sehr früh. Da ist dann Tone, die wegen einer kleinen Brandwunde am Bein vor uns steht. Ich schaue sie mir an und stelle fest, dass sie total krank aussieht. Ihre Augen glänzen fiebrig und der Allgemeinzustand ist schlecht. Tone hat in 8 Jahren fünf Kinder geboren; das Kleinste ist 7 Monate alt. Ihr Mann in den Bergen hat sich dort das Bein gebrochen und es selbst irgendwie geschient. Deshalb ist sie nun allein hier unten. Direkt neben der Brandwunde ist das Bein knallhart und tief rot. Als ich es berühre, schreit sie auf. Es ist klar, dass sie eine Venenentzündung hat. Ein Auge von Tone ist aufgeschwollen. Tone hat eine schwere eitrige Kieferentzündung durch einen faulen Zahn. Der Zahnarzt kostet Geld, das sie nicht hat. Sie weint dann einfach ihre ganze Not erstmal raus. Die Kinder haben keine Schulbücher, sie kann nicht ins Bett, weil niemand für die Kinder sorgen kann. Tone weint und weint. Sie haben auch kein Mehl mehr. Das ist sowieso fast unerschwinglich teuer geworden. Wir entlasten sie erst mal durch unsere materielle Hilfe, die einfach durch Euch möglich ist. Dann suchten wir nach einer Lösung, dass sie ausruhen und das Bein abheilen kann. Nun kam Tone heute, und es geht ihr wirklich besser.

Und unser Abraham ist nun ein Vorschulkind im Kindergarten. Heute Früh wurde ich in der Kapelle von ihm überrascht und mit einer wunderbaren Meditation beschenkt. Er stürmte herein, zeichnete das Kreuz über die Brust und fing an in etlichen Melodien zu singen: „Dein Wille geschehe, Dein Wille geschehe o Gott“. Ich hatte so einige Minuten den im Gesang und Gebet versunkenen Abraham vor mir und so stürmisch wie er gekommen war, verschwand er wieder. Was brauchte ich mehr für den Tag?

Und nun ist es Abend und wir sehen die ersten Blitze und bitten den HERRN um Regen.

Euch danke ich für Eure so grosse Solidarität, für Eure so grosse materielle Hilfe immer wieder, für jedes Gebet und für alles Mittragen.

Es grüsst Euch von Herzen und erbittet den Segen Gottes für Euch und Eure Familien

Eure Sr. M.Christina

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