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Unter den Kräften,
die das Menschenherz wecken,
erfüllen und begeistern,
ist sie die mächtigste.

Unter den Geheimnissen,
die ihm seine Not schaffen,
seine Trauer, seine abgründige Sehnsucht,
ist sie die tiefste.

Liebe ist eine Quelle,
aus der das Leben kommt.
Sie öffnet die Quellen lebendiger Kräfte.

Sie eröffnet die Zukunft,
den Morgen, den Mittag, den Abend,
die Nacht des Lebens.
Sie ist Anfang und Ziel.

Aber Liebe ist eine Kunst,
und Zärtlichkeit will gelernt sein.
Wer hin- und herspielt
von einer Erfahrung zur anderen, wird,
wenn nicht wirkliche Liebe ihn am Ende ergreift,
stumpf gegen die Liebe.

Lieben lernen braucht Zeit.
Denn am Anfang liebt jeder
im anderen sein eigenes Bild.
Er schaut in einen Spiegel.
Wer aber nicht am Spiegel vorbei
den anderen wahrnimmt,
kann ihn nicht lieben.

Die Jahre führen uns durch Tageszeiten,
durch Morgen und Mittag, Abend und Nacht.
Und immer wieder begegnen wir
anderen Kräften, anderen Aufträgen,
immer wieder machen wir
andere Erfahrungen mit uns selbst.

Am Morgen gleichsam,
in jungen Jahre, werden es Stimmungen sein,
Träume, Gefühle, die uns erfüllen.
Mit der Sehnsucht
werden wir Freundschaft schließen,
mit Freude und Trauer,
mit Furcht und träumerischer Phantasie.

Es ist Zeit für den Mut, zu sagen:
das erfüllt mich, das fühle ich!
Danach sehne ich mich.
Denn Mut ist nötig,
zu bekennen wer wir sind,
da wir doch uns selbst
noch kaum verstehen.

Die Stunden rücken vor, es wird Mittag.
Der gemeinsame Weg wird länger.
Eine Straße denke ich mir,
auf der zwei miteinander, nebeneinander gehen.
Einer denkt für den anderen und mit ihm.
Einer sieht für den anderen.

Sie lassen die Welt und die Menschen
und die Probleme auf sich zukommen.
Der eine ermutigt den anderen,
durchzuhalten,
und beide miteinander
nehmen es mit dem Begegnenden auf.

Und nicht immer ist einer der Stärkere.
Das wechselt.
Und meistens ist auf die lange Zeit
der der Stärkere,
der der Schwächere zu sein schien.

Der Liebende erkennt sich selbst
in der Liebe des anderen.
Er begreift, wieviel er wert ist.
Er findet Mut. Findet Selbstvertrauen.
Aber er sieht auch dies: Wer er nicht ist.

Denn der Mann ist nicht der Held.
Die Frau nicht die Heilige.
Beide sind auch Egoisten, Herrscher,
Tyrannen, Schwindler, Verbraucher.
Und nur, wenn sie das sehen,
werden sie lieben.

Und nur, indem sie lieben
und sich lieben lassen,
überwinden sie im anderen die Gefahr,
daß er sich selbst verachtet
oder sich selbst verherrlicht.

Und so lernen sie die Kunst,
zu lieben und doch nicht zu besitzen,
zu führen und doch nicht zu herrschen,
sich hinzugeben, ohne zu gehorchen,
zu bergen und doch nicht zu verschlingen,
nahe zu sein und doch nicht festzuhalten,
sich zu binden, ohne Freiheit zu nehmen.

Die Zeiten des Tages haben ihre Botschaft.
Der Mittag sagt: die Welt ist groß.
Geh deinen Weg mit kräftigen Schritten.
Weite dich. Dehne dich aus.
Sei nicht zufrieden mit dem,
was du bist und was du kannst.

Aber dein Heil ist nicht außen allein.
Nimm auch den anderen Weg unter die Füße:
den nach innen.
Suche mit aller Klarheit deines Geistes
nach Wahrheit.

Die Bilder wandeln sich.
Irgendwo endet der Weg.
Irgendwann werden die Füße müde
und sehnen sich nach der Stille des Abends.

Wenn der Weg lang wird
und mühsam und steil,
dann darf der Liebende müde werden,
ohne daß er aufhörte, ein Liebender zu sein.

Die Zeichen, die hin und her gehen,
die Zeichen der Zartheit und Dankbarkeit,
werden einfach.
Sie sind wie ein Echo
aus langen, gemeinsamen Zeiten.
Sie sind ebensoschön
wie die starken Erfahrungen früherer Jahre.
Sie sagen ebensoviel.
Und sie sind nötig wie eh und je.

Und wieder finden sie miteinander,
die Liebenden eine neue Kraft:
Sie nehmen die Zeichen auf,
die aus der höheren,
der verborgenen Welt kommen.
Sie wissen: diese Welt ist geheimnisvoll
und wir sind ihr Teil.

Uns umschließt ein Ganzes, das schön ist
nach einem heimlichen Willen und gut.
Sie empfinden und wissen:
Es ist einer, der uns segnet.

Sie wissen und bejahen das Einfache,
daß sie sterblich sind, schwach und anfällig,
angewiesen auf Luft, Licht und Nahrung,
auf Wasser und Erde wie Pflanze und Tier.

Das verstehen Liebende am Abend:
daß Geheimnisse sind in der Welt,
und das tiefste davon die Geborgenheit
des armen, des gefährdeten Menschen.

Jörg Zink

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