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Der Mann im Spiegel

Es muss an einem dieser matten Oktobervormittage gewesen sein, an denen die Zeit nur zähflüssig aus den Neonlicht gefüllten Gängen der Bürogebäude abläuft. Auf dem Weg zur Toilette war er in Gedanken mit der Bearbeitung der auf seinem Schreibtisch liegenden Rechnungen beschäftigt und grüßte die ihm begegnenden Kollegen daher nur mechanisch mit einem knappen „Guten Morgen“.
Beim Öffnen der Toilettentür war ihm nichts aufgefallen. Erst als er das Sakko ausziehen wollte stutzte er zum ersten mal für einen Augenblick. Ohne auch nur erahnen zu können warum, kam es ihm vor, als ob in dem Moment irgendetwas beunruhigend anders gewesen wäre als sonst.

Für einen Moment dachte er an eine kleine Unregelmäßigkeit seines Kreislaufs, wie sie bei groß gewachsenen Menschen wie ihm gelegentlich vor kommt und schenkte dieser Empfindung weiter keine nennenswerte Beachtung. Sicherlich wäre dieser Augenblick seines Lebens auch bereits wenige Momente später für immer aus seiner Erinnerung ausgelöscht worden, wenn ihn nicht ein ähnlich irritierendes Gefühl später auch beim Hinsetzen auf seinen Bürostuhl befallen hätte.
Als er versuchte diesen ihn verunsichernden Eindruck zu analysieren, kam er zu dem Ergebnis, dass es sich dabei weniger um eine Empfindung handelte, die man als Schwindelgefühl, denn als eine Art von Sehstörung beschreiben würde. Nicht dass er den Eindruck hatte verschwommen oder verzerrt zu sehen, nein, vielmehr kam es ihm so vor, als ob sich seine Sehachse verschoben hätte. Irgendwie hatte er plötzlich den Eindruck das Zimmer um ihn herum, nicht mehr wie gewohnt, sondern eigenartiger weise aus einer Art Seitenperspektive wahr zu nehmen. Er rieb sich die Augen, fokusierte seinen Blick auf die gegenüber hängende Pinnwand, erreichte dadurch aber keine Veränderung dieser Empfindung.
Noch gelang es ihm ruhig zu bleiben, wenn er auch nur noch teilweise verhindern konnte, dass sich in zunehmendem Maße ein Gefühl wie aus kochendem Schlamm in seinem Unterleib ausbreitete.
„Hirntumor!“ begann es noch leise, doch immer deutlicher in ihm zu keifen. Für einen Moment klammerte er sich an die Hoffnung, dass er in einem unangenehmen Traum gefangen sei, aber durch das ernüchternd real klingende akkustische Signal einer eingehenden E-Mail, wurde ihm sehr schnell und schmerzhaft klar, dass dies eine kindliche Wunschvorstellung war.
Immer wieder schloss er kurz die Augen und hoffte verzweifelt darauf, dass sich ihm beim Öffnen sein Büro, im seit Jahren gewohnten Anblick zeigen würde. Doch je länger er versuchte sich selbst zu beruhigen und alles mit einem Trugbild seiner von Zeit zu Zeit aufflackernden Neigung zur Hypochondrie zu erklären, desto mehr verfestigte sich in ihm die Beunruhigung über seine gemachten Beobachtungen.
Um Fassung und Rationalität bemüht saß er vor seinem Computerbildschirm und konnte sich immer weniger dagegen erwehren, dass eine lähmende Panik zunehmend Besitz von ihm ergriff.
Nach kurzer Zeit konnte er bereits nicht mehr zuverlässig beurteilen, ob es eine Folge des anwachsenden Kontrollverlustes war, oder ob sich die von ihm registrierte Verschiebung seines Sehempfindens weg von der gekannten Sehachse tatsächlich immer mehr verstärkte.
Innerhalb der letzten Minuten hatte er einen Zustand erreicht, in dem er sich nicht mehr von der Vorstellung lösen konnte, nicht mehr aus seinen im Schädel sitzenden Augen in die Welt zu blicken, sondern aus einer sich immer mehr seitlich versetzenten Warte. Eigenartiger weise war es ihm dabei jedoch nicht möglich zu bestimmen, ob diese Verschiebung mit links oder rechts zu beschreiben wäre.
Ab diesem Zeitpunkt musste er sich eingestehen, dass das ihn quälende Problem nicht als blanke Einbildung zu erklären sei. Um sich dennoch zumindest wieder etwas fassen zu können, suchte er Trost in dem Gedanken, seine Beschwerden könnten durch simple Überanstrengung der Augen ausgelöst werden.
Ohne wirkliche Hoffnung sich Erleichterung verschaffen zu können, machte er sich deshalb nochmals auf den Weg zur Toilette auf, um durch einen Blick in den Spiegel vielleicht eine Entzündung der Augen oder eine geplatzte Ader erkennen zu können.
Die Situation, mit der er dort konfrontiert wurde, ließ schlagartig alle seine Bemühungen eine unspektakuläre Erklärung für die Erlebnisse der letzten dreiviertel Stunde zu finden, ernüchternd deutlich in sich zusammen fallen. Nicht nur, dass er sein Gesicht seitlich versetzt sah, er musste sogar feststellen, dass es ihm jetzt möglich war, den Ausgangspunkt seines Sehempfindens, ohne seinen Kopf auch nur im geringsten bewegen zu müssen, zu verändern. Und bevor es ihm gelang dies zu realsieren, bemerkte er, dass diese körperlose Bewegung nicht nur entlang der Blickrichtung möglich war. Fast wie aus einer Vogelperspektive konnte er sich plötzlich auf den Kopf blicken oder seinen Körper gleichzeitig von mehreren Seiten aus betrachten.
Was ihn hierbei völlig aus seiner inneren Balance warf, war die Erfahrung sich selbst ins Gesicht und in die eigenen Augen sehen zu können.

Die restlichen Stunden des Tages verbrachte er damit zu testen, ob seine Umwelt irgendeine Veränderung an ihm bemerkte. Da jedoch niemand mehr Notiz von ihm nahm als üblich, schloss er daraus, dass sich das Bild, das er seinen Mitmenschen von sich vermittelte nicht verändert hatte. Seine Frau machte ihm gegenüber im Laufe des Abends zwar eine Bemerkung, dass er blass und müde aussehe aber eine entscheidende Veränderung an ihm fiel auch ihr offensichtlich nicht auf.
Während der folgenden, weitgehend schlaflosen Nacht überlegte er krampfhaft, was für eine Art von Krankheit ihn befallen haben könnte und welchen Arzt er deshalb am sinnvollsten aufsuchen sollte. Da ihm aber die beobachteten Symptome ätherisch und irreal erschienen, hatte er entgegen seiner sonstigen Gewohnheit nur wenig Zutrauen, durch ärztliche Hilfe eine Linderung seiner Beschwerden und damit auch seiner Angst erreichen zu können und schob aus Scham vor den verständnisvollen Mutterblicken der Arzthelferinnen und des Doktors den Drang in einer Arztpraxis Hilfe zu suchen in den Hintergund seiner Überlegungen.
Als er am Morgen aus einem unruhigen, kurzen Schlaf erwachte, hatte sich sein Zustand nur in so weit verändert, als er das Gefühl hatte aus einer noch größeren Entfernung als am Vortag auf sich selbst zu blicken. Gleichzeitig glaubte er festzustellen, dass etwa in dem gleichen Umfang, in dem diese Distanz zugenommen, sich seine körperliche Sensorik deutlich abgeschwächt hatte.
So konnte er zum Beispiel nur unklar unterscheiden, ob das Wasser, mit dem er sich die Hände wusch warm oder kalt war und ob der Kaffee kräftig oder schwach schmeckte. Die aus dem Radio dringende Musik empfand er als eigenartig dumpf und farblos, selbst als das Adagio eines von ihm sonst sehr geschätzten Klavierkonzerts erklang.
Bevor die in ihm nun aufsteigende Angst, vielleicht doch Opfer eines Schlaganfalls zu sein, überhand zu nehmen drohte, entschloss er sich unter Aufbietung aller seiner Kräfte, den Samstag Vormittag zu einem ausgiebigen Waldlauf zu nutzen. Für einen kurzen Zeitraum hatte er während des folgenden vor sich hintrabens den Eindruck, dass er wieder fähig war klarere Gefühle zu vernehmen und vielleicht sogar wieder eine Idee näher an sich heran gerückt zu sein. Diese aufkeimende Hoffnung verführte ihn dazu das Lauftempo nochmals zu erhöhen und auch die nächste Abzweigung zum Einbiegen auf den Rückweg auszulassen.
Doch so sehr er sich auch mühte, das Gefühl der Besserung hatte nur kurz Bestand und als er schließlich völlig erschöpft an seiner Haustüre ankam, hatte er den seltsamen Eindruck hoch über sich selbst zu schweben und spürte weder die Schmerzen seiner überanstrengten Muskeln noch das Keuchen seiner um Sauerstoff ringenden Lunge.

Am Abend trank er sehr viel, obwohl im klar war, dass dies eher zu einer weiteren Eskalation, denn zu einer Entspannung der Situation führen würde. Die Wirkung des Alkohols schränkte zwar die Wahrnehmung seiner bedrückenden Befindlichkeit kurzzeitig etwas ein, verschlimmerte aber gleichzeitig das rasante Absterben seiner körperlichen Empfindungen.
Als er schließlich an diesem Abend allein in seinem Bett lag, traf ihn wie aus dem Nichts der alles andere vernichtende Gedanke, dass die Ursache seiner Aufspaltung und Empfindungsverflachung möglicher weise sogar darin zu finden sein könnte, dass er tot oder im Bergriff war zu sterben.
Er weiß noch wie unsäglich einsam er sich in diesem Moment fühlte und dass er dachte, dass er jetzt gerne weinen würde, als er spürte wie eine bittere Träne über seine Wange rann.

One Response to “Der Mann im Spiegel”

  1. fragezeichen sagt:

    Warum hat er nicht schon eher gemerkt das er stirbt? und dann lässt du ihn auch noch allein sterben.
    Das ist wunderschöne kalte Brutalität die der Wahrheit unserer heutigen Zeit sehr nahe kommt.

    Hast du noch eine solche Geschichte?

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