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An einem Tag im Mai

Es roch nach Mai, wenn die Tür sich öffnete.
Etwas mehr, wenn jemand hereinkam.
Etwas weniger, wenn jemand hinausging.
So konnte er riechen, ob jemand kam oder ging.
Interessant war für ihn nur, ob jemand kam.
Wer kam, konnte seinetwegen kommen.
Wer ging, hatte nichts mit ihm zu tun.
Jeder wartete hier darauf, dass die Tür für ihn aufging.
Sein Nachbar im Rollstuhl links von ihm wartete auch.
Immer, wenn jemand eintrat, fuhr er einige Zentimeter vor.
Erwartungsvoll.
Kurz darauf fuhr er wieder zurück.
Enttäuscht.
Noch nie hatte sich die Tür für seinen linken Nachbarn geöffnet.
Er hatte es jedenfalls noch nie erlebt.
Sein Nachbar im Rollstuhl rechts von ihm war teilnahmslos.
Keine Regung beim Öffnen der Tür.
Manchmal Atemgeräusche, sonst nichts.
Die Standuhr schlug halb.
Halb was? Er wusste es nicht.
Hinter ihnen ging gerade jemand vorbei.
Schwester Jessie.
Er erkannte sie am Gang.
Er wartete darauf, dass sie ihn ansprach.
Sie machte sie das manchmal.
Diesmal nicht.
Sie ging auch recht schnell vorbei.
Sie hatte es wohl eilig.
Vielleicht war sie von jemand gerufen worden.
Vielleicht eine wichtige Kleinigkeit.
Vielleicht ein Notfall.
Viele warteten darauf, dass ein Bett im Haus frei wurde.
Es roch nicht mehr nach Mai.
Schon lange nicht mehr.
Die Standuhr schlug jetzt ganz.
Ganz was? Er vergaß mitzuzählen.
Schwester Jessie näherte sich wieder.
Langsamer diesmal.
Sie sprach ihn auch an.
Abendessen.
Er spürte, wie sein Rollstuhl sich drehte und in Bewegung setzte.
Sein Teller stand gewiss schon bereit.
Zwei Scheiben Brot, eine Scheibe Wurst, eine Scheibe Käse.
Eine kleine Essiggurke.
Ein Salatblatt.
Es würde liegen bleiben.
Wie jeden Tag.
Nicht nur im Mai.

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