Feed on
Posts
Comments

Studis zum Professor

„Was will ich bei dem? Ach ja: nett sein und meine Arbeit überreichen, vielmehr … mich und meine Begabung und auch mein ganzes tiefes wissenschaftliches Interesse an seinem Fach vorstellen, so er mir die Gelegenheit dazu gibt.” –
„Das ist richtig, man sollte nicht zu lange damit warten!” meint mein liebster Kommilitone. Wir sind im 3 Semester an der Universität und haben kürzlich angefangen, zusammen zu arbeiten.
Ich weiter: „Richtig! Richtig!! – Ich kenne ihn noch nicht so gut! Das muss sich ändern. Und er muss mich ja auch kennenlernen, gut kennenlernen: Ich will ihn von mir möglichst im positiven Sinne überzeugen! Das ist mein Ziel: heute damit anfangen! Heute!” sage ich fast schon enthusiastisch. Wir haben es eilig.
Er, locker: „Das Ziel habe ich auch! Heute. Ich komme gleich nach dir dran, hoffe ich.” –
Ich, mit Ernst: „Meinetwegen!!” –
Und er fügt wenige Sekunden später an, als wir nicht mehr weit vom Unigebäude entfernt sind: „Aber, … es sei gesagt: normalerweise ist eine solche Gelegenheit zur Selbstdarstellung bei einem Prof nicht gegeben, weil diese Leute, diese Profs kaum Zeit haben, besonders nicht in ihren Sprechstunden.” –
Wir sind an der Eingangstür, die angelehnt ist, ich stoße sie ruckartig auf und wir verschwinden in dem nicht allzu großen Gebäude, welches sehr farblos und abgerissen-steril auf alle wirkt. Aber ich fühle mich hier durchaus wohl, komme gern her.
Des Professors Sprechstunde, zu dem ich gehen will, hat schon angefangen. Das Treppenhaus ist voller Menschen, junger Menschen, die unsicher und hochinteressiert aussehen. Nur wenige sprechen miteinander. Das Semester hat gerade begonnen, hier stehen offenbar hauptsächlich Erstsemester an, die noch viel Neugier haben für alles, was sie umgibt. Für sie ist alles ganz neu. Wir werden von einigen während des Hochgehens angestarrt. Wir, die Drittsemsester! Das ist aber ganz toll! Wollen sie alle zu dem Professor, zu dem wir auch wollen? Ich kann sie nicht alle danach fragen; es ist mir auch gleichgültig in diesem Moment, weil ich vor allem mit dem Professor bestmöglich zurechtkommen will. Was scheren mich diese anderen, die ganz frisch sind – die sich für mich auch nicht interessieren.

„Mit solchen Idioten, inkompetent und besserwisserisch, immer präsent sein wollend, viel zu oft aufdringlich … Menschen eben … kann ich nichts anfangen!!!!” sagt mein Kommilitone, freundlich wie immer, dieses Mal eher etwas unwirsch. Ich schaue ihn, nun schwitzend, von der Seite her an, halte mich am Geländer der Treppe fest. Und wir kämpfen uns nun gemeinsam das ganze Treppenhaus hoch. Je höher wir kommen, desto größer ist das Gedrängel.
Dann endlich frage ich nach: „Was meinst du jetzt?” weiß ich doch nicht recht, wovon er spricht.
Er: „Die da oben, die meine ich …!” – Diesen Satz hat er raus gestoßen, als würde er sogar Verachtung empfinden. Etwas irritiert dränge ich mich von der Seite her näher an ihn heran, während ich von rechts her ein paar Schläge abbekomme.
„Meine Güte, geht’s mir … bestens … ?” muss ich mich fragen, fühle einen leichten Schmerz. Hier gibt es ja so viele Kommilitonen, an denen ich mich vorbeizwängen muss. Mir ist heiß, draußen ist es nämlich viel zu kalt, ich habe mich zuhause in warme Kleidung geworfen.
„Mir ist … nicht wohl …!” —
Gerade vorhin hätte ich beinahe eine junge Frau so stark angerempelt, dass sie nach links über das Treppengeländer gegangen wäre, ohne dass man ihr im Gedrängel hätte schnell genug helfen können.
„Ich … werde … ihm die Hausarbeit schon noch rechtzeitig überreichen können …!” spucke ich nun zwischen meinen ganz leicht geöffneten Lippen heraus. –

Eine der das Treppenhaus beleuchtenden Neonröhren an der Decke direkt über mir flackert an und aus. Und zwei Typen, persönlich Unbekannte, diskutieren über irgendein politisches Problem, welches lediglich Tagesaktualität hat.
Sie stehen irgendwo mitten in der langen Schlange der Kommilitonen, die nicht alle über das erste Semester hinauskommen werden.

Wir kommen an, großer Bahnhof mit unbekannten Gesichtern, die ich auch wirklich nicht kennen muss. Als Student bleibt man den meisten anderen Studenten gegenüber unbekannt. Das bleibt bis zum letzten Tag des Studiums so.
Hier vor uns nun: ein großer Vorraum, in dem sich die Schlange fortsetzt und Kurven schlägt.

Wir haben die Residenz von mehreren Professoren erreicht. … MAN WEIß ES ALLENTHALBEN.
Siehe da, ein Mensch. Er hat ebenfalls diese Residenz erreicht! ES IST DIES JEMAND, DER UNTER STUDENTEN UND DEN PROFESSOREN UND DOZENTEN SEHR BEKANNT IST. NAME: R E U E R. ER WILL ETWAS VON DEMSELBEN PROFESSOR HABEN, DEN AUCH WIR AUFSUCHEN WERDEN:
„Was machst du denn hier, Reuer?!” frage ich ihn höflich. Er schweigt sich aus.
Und wieder ich: „Ausquetschen will ich dich doch gar nicht …!!!” – Aber er schweigt sich weiterhin aus. Mürrisch ist er, sehr! Schaut mich nicht einmal an.
„Er ist nur … ein …!” meint mein Begleiter.
„Was???” stößt Reuer nun doch aus und blickt uns aus seinen Augenwinkeln hinterhältig an. Lehnt sich an einen in der Mitte des Vorraums stehenden grauen Tisch, auf dem eine Dissertation zur allgemeinen Einsichtnahme durch jedermann ausliegt.
„Sehen sie sich diese Dissertation nur einmal an, Herr Reuer!” wird er wohl unerwartet von irgendeinem der in der Schlange stehenden Personen freundlich angesprochen, als er sich diesem neuen Werk angenähert hat. Er wirft einen Blick auf den Titel. Kurz darauf blickt er ins Leere. Ich und mein Begleiter wundern uns darüber nicht. Wer oder was ist er schon? Vielleicht wird er mal eine Karriere machen – – – das könnte durchaus sein; er ist bekannt für seine besten Karriereaussichten.

Zigarettenrauch zur unteren Türritze heraus bis in den Vorraum vordringend: das ist: Universität. In dem Raum des Professors, vor dem die Schlange ihren Anfang nimmt, sprudelt ein fröhliches, natürlich von außen nicht verstehbares Geplauder. Mit gegenseitiger Sympathie wird gesprochen. Es scheint so, als würde der austretende Zigarettenrauch von dem Inhalt des Geplauders sprechen. Rauchzeichen werden gesetzt!? Wie komisch, oder? Die Wartenden notieren allerdings diese Rauchzeichen kaum, möchte man meinen.

Ich: warte auch. Ich: zähle mich am liebsten wie alle anderen zu den gewöhnlichen Wartenden, will gar nicht bevorzugt werden. Aber ich werde bevorzugt DENN ICH HABE JA MEINEN FESTEN TERMIN, VERDAMMT! DESHALB STEHE ICH SCHON IN DEM VORRAUM.

Morgen: immer viel Rauch! – Morgen: immer viel Rauch!? Man ist vor der Tür bestrebt, genauer hinzuhören. Eine gewisse Neugier macht die Studenten (und sicherlich sind auch ein paar andere unter den Wartenden) sogar zu Horchenden, wie ernsthaft anzunehmen ist.
Der Zigarettenrauch wird von mir ungern eingeatmet; fast wäre ich versucht gewesen, weiter nach hinten zu treten. Dieser Rauch schadet der Gesundheit. Ich ekle mich. Ich gehe gleich wieder?
„Und???” frage ich meinen Begleiter, der lächelt, nachdem er gemerkt hat, dass ich diesen Rauch ekelig finde.
„Und was???” fragt er zurück, „Ich finde Rauch angenehm. Schließlich bin ich selber Kettenraucher – immer noch. Toleranz erwarte ich von allen, wenn ich meinen Glimmstengel anstecke und genießen will. Das ist legitim! Andere Menschen wollen eben anderes genießen!!!” – Nun streckt er seine Arme nach oben aus.
„Was du nicht sagst … Toleran … z …! – Ich gehe gleich wieder! – ” reagiere ich. – Es gilt, hier sehr, immer sehr geduldig zu warten, bis der Vorbesucher zur Tür hinaustritt und man selber …, sofern einen nicht schon vorher der Ruf des Professors ereilt!
Und er wieder: „Du wartest, bis du deinen Termin gehabt hast. Erst dann wirst du abziehen, freudig abziehen!” –
„Wie lange das wohl noch dauern mag – denn ich glaube nicht, dass ich pünktlich zum festgelegten Zeitpunkt zum Professor kommen werde!?” frage ich so in die Luft. Der, der vor mir steht, ein hellblonder Hüne mit einem Adlerblick, braune Aktentasche unterm rechten Arm, blickt sich streng nach mir um. Ich schaue an ihm vorbei, als sähe ich ihn gar nicht. Ich bemühe mich um Geduld. Von hinten her wird manchmal stark gedrängelt, wiewohl diese Schlange die Ordnung des Nacheinander in der Schlange klar festlegt.

Endlich öffnet sich die Professorentür und jemand betritt den Vorraum, indem er, weiten Schrittes, den Vorraum großartig durchmisst. Seine Superstimmung tritt offen hervor. Alle Augen fallen auf ihn – – – . Es ist der doch so vielen bekannte Professor Herr Zacker; er trägt einen dunkelbraunen Schnäuzer, einen hellgrauen Pullunder und grüne Jeanshosen sowie eine Nickelbrille, die weit vorne auf seiner Nase sitzt. Der sarkastische Unterton, mit dem er spricht, ist unüberhörbar deutlich gemessen.
Zunächst äußert er sich nicht, schaut sich nur um. Und dann geht er zu einer Tür, die weiter hinten im Vorraum liegt. Er klopft an, geht hinein, bleibt ca. eine Minute im Raum und kommt sogleich wieder heraus.
Mit Sympathie beobachte ich ihn. Lange habe ich nicht mehr zu warten – sind’s noch fünf Minuten? Ich traue mich nicht, ihn anzusprechen, obwohl er nahe an mir vorbeigeht.
„Wen haben wir denn da!?!?!” schießt es wie aus der Pistole; er dreht sich nach mir um und wir blicken einander in die Augen.
Ich, freundlich-ironisch: „Ich bin’s nur!!” –
„Wollen sie nicht jetzt schon zu mir reinkommen?” fragt er mich freundlich-ironisch. „Sie sind natürlich nicht angemeldet, haben keinen Termin bei mir!?”
Und ich nun: „Aber doch: ich habe einen festen Termin mit ihrer Sekretärin ausgemacht!”
„Einen festen Termin, tatsächlich!?”
„Oh doch. Ich habe einen, der auch nötig ist …!”
„Einen festen Termin?”
„Ja, ich habe einen festen Termin!”
„Das ist komisch; ich kann sie nicht erinnern, sie … sie schon, nicht ihren festen Termin, gar keinen Termin mit ihnen am heutigen Tag …!”
„Ich habe einen festen Termin, ohne Zweifel!!!”
„Nun gut. Kommen sie mit mir!” fordert er mich auf. Ich folge ihm mit einem recht guten Gefühl nach. Die in der Schlange Stehenden, welche im Vorraum angelangt sind, so ungefähr 7 an der Zahl, blicken überwiegend stupide vor sich her, einer, vielleicht zwei erlauben sich einen kritischen Blick auf mich, so ungefähr sagen wollend: „Warum wird dieser Typ vorgelassen, wir müssen hier noch lange anstehen!?!?!”
Er lässt mich in sein Zimmer vorgehen und schließt die Tür hinter uns. Ein bisschen bin ich nervös, zumal ich mich ohne Frage sehr auf diesen Professor konzentrieren muss.
Schnell sitzt er hinter seinem Schreibtisch und legt seine Füße ganz locker auf denselben. Das nennt er „Bequemlichkeit! – Ich sitze so bequemer. – Setzen sie sich doch auf den Stuhl da vorne!”.
Er ist wichtig für mich. Er ist der einzige Vertreter seiner Teildisziplin an dieser Fakultät, so dass jeder, der das wissenschaftliche Studium mit Erfolg abschließen will, bei ihm einen Leistungsnachweis erwerben muss. Er stellt eine Hürde dar!
Nun, das gilt auch für mich – bisher bin ich mit ihm gut zurechtgekommen! (das mag manchem nicht so ergangen sein!) Ich könnte meine Karriere mit ihm in Gang bringen, könnte man sagen; das ist allerdings pure Zukunftsmusik. Es steht viel in den Sternen, ich kann sie nur nicht lesen. Noch bin ich Student, und nicht etwa ein hochsemestriger. Das macht mich nicht traurig, bin ich doch auf lange Sicht sehr zuversichtlich.
Wer mit einem solchen Herrn allgemein zurechtkommt, muss trotzdem stets aufpassen! Fehler dürfen nicht gemacht werden. Egal welche. Man muss stets für einen „guten Eindruck” sorgen. Der Professor muss in einem einen begabten Menschen, besonders aber einen für die wissenschaftliche Teildisziplin begabten Studenten sehen! Jeder kleine Patzer im Gespräch mit ihm rächt sich – irgendwann, irgendwie! Die Folgen sind grundsätzlich unabsehbar. Und das Gespräch als Form der Kommunikation ist hier, bei einem Universitätsprofessor, bei den Dozenten ebenso, am wichtigsten.
Die studentischen Gesprächsbeiträge müssen wissenschaftlich und immer auf das Wesentliche, was gefragt ist, bezogen sein; aber auch: politisch korrekt dargebracht werden; die Verhaltensweise und die Redeweise muss den Erwartungen des Professors voll entsprechen. Anders formuliert: das konkrete studentische Verhalten im Hier und Jetzt des Gesprächs, wie der Student sich dem „Beurteiler” gegenüber verhält, ist hoch relevant.

Dieser Professor, der nun lässig auf seinem Stuhl sitzt, hat einen Ruf an der Fakultät der Universität, der fragwürdig ist, aber nur deswegen, weil man ihn „hasst oder liebt”, wie ich gehört habe. Die wissenschaftliche Kompetenz wird ihm nicht abgestritten.
Und ich? Ich streite sie ihm schon gar nicht ab. – Da sitzt er und lächelt freundlich. Er will nett zu mir sein, aufgeschlossen und sehr interessiert. Das ist offensichtlich und soll auch offensichtlich auf mich wirken. Unvoreingenommen begegne ich ihm. Ich sitze ein wenig vornübergebeugt auf meinem Stuhl, auf meinem Schoss liegt meine Tasche. Und ich verhalte mich ihm gegenüber schon seit 4 Monaten, innerhalb dieses laufenden Semesters, höflich, freundlich, politisch korrekt, hoch interessiert am wissenschaftlichen Fach, was er vertritt.
Wann fängt er denn endlich zu reden an? Ah, jetzt:
„Sie wollen etwas von mir?”

„Ich, ja! Diese Hausarbeit will ich abgeben. Darum geht es.” – Ich halte sie hoch.
Er: „Das ist nicht viel. Gerne nehme ich die Arbeit entgegen, mit Interesse – !” – Und ich halte sie ihm entgegen. Er nimmt sie.
„Mit Interesse!?” sage ich freundlich, „Danke, danke; ich habe gehofft, dass sie ein selbstverständliches Interesse an dieser Hausarbeit zeigen würden, ein höheres selbstverständliches Interesse an dieser, an meiner ganz besonderen Hausarbeit als einer besonders hohen Leistung eines eine Wissenschaft Studierenden …!” –
„Das können sie auch weniger kompliziert ausdrücken, oder?” sagt er mit einer freundlichen Gelassenheit.
„Ja doch: ich habe mich bemüht. Und ich freue mich über das Interesse an einer sehr guten Leistung …!” –
„Ja, so geht’s auch, Herr Student!!!” bricht es aus ihm heraus. Er lacht. Und er schaut auf das ordnungsgemäß beschriftete Deckblatt der Hausarbeit. „Sieht wirklich nach was aus, Herr Student!” –
„Es ist alles ordnungsgemäß nach den wissenschaftlichen Regeln des Aufbaus und der Gestaltung einer wissenschaftlichen Hausarbeit verfasst worden …!” –
Er nun: „Das sehe ich sofort.” –

Ich zeige Selbstbewusstsein, das Selbstbewusstsein des akademisch Strebsamen. So wird man ernstgenommen.
„Aahh!” meint er kurz. Er hat so seine ganz spezielle Art des Umgangs mit Studenten, für die er universitätsweit bekannt ist. „Aaaaahhhh!!!” wiederholt er; ich verhalte mich zurückhaltend und bringe nun erst einmal keinen Ton mehr heraus.
„Wie meinen sie, Herr Professor??!” frage ich höflich nach. Und er schaut mich von unten her an, da er doch gerade angefangen hat in einer der Schreibtischschubladen zu kramen. Meine Hausarbeit liegt auf dem Schreibtisch.
„Von ihnen halte ich was, Herr Studiosus,” stellt er nunmehr ganz lapidar fest. Immer noch ist er am kramen. Was sucht er nur?
„Sie suchen nach etwas, Herr Professor …” –
„Wie wahr, Herr …!” – Dann anschließend: „Da habe ich es auch schon! – Eine andere Hausarbeit, eine schlechtere als die ihre. Sie werden staunen!” – Er hält sie mir zwecks Inaugenscheinnahme hin.
„Das ist aber interessant,” sage ich leichthin.
Und er: „Ahhhhhhh! Gutes Urteil. Sie haben Urteilsvermögen! Vergleichsarbeiten sind immer hochinteressant!” –
Ich lächele, sage: „Genau!” –
Er: „Genau! – Nun, im Verhalten gegenüber Hochschullehrern sind sie noch nicht clever genug, aber immerhin; es kann sich hören und sehen lassen! – Das … und dieses so relevante wissenschaftliche Urteilsvermögen wird schon kommen: so weit entfernt ist’s auch nicht!” –
Ich, erfreut: „Könnte sein, Herr Professor!” –

Er nickt wohlwollend, – denn so viel Selbstkenntnis hat er mir wohl auch schon zugetraut. Urteilsvermögen wächst bei intelligenten Menschen, die fachbegabt sind, allmählich mit der Beschäftigung mit wissenschaftlichen Themen auf der Basis der Analyse.
Die Vergleichsarbeit legt er auf dem Schreibtisch zur Seite. Aber dann führt er sich die meine zu stark zu Gemüte.
„Hier, ihre ‘ganz besondere Hausarbeit’, wie sie sagen, werde ich schon mal ein wenig anlesen; es soll mir gefallen! Sehr gefallen,” tönt er voller Wohlwollen. Und er wirkt auf mich engagiert, blättert in der recht umfangreichen Hausarbeit; er scheint ernsthaft zu lesen.
„Es steht vieles drin, was aber zum Teil auch engagiert erarbeitet werden musste!” äußere ich mich selbstbewusst.
„Das,” so meint er, während er ein paar Sätze liest, „muss so sein! Man muss an der Arbeit arbeiten müssen! Der Professor erwartet dies von seinen engagierten und interessierten Studenten!” –
Ich, leise: „Nun, ich hoffe den in mich gesetzten Hoffnungen und Erwartungen voll zu entsprechen, Herr Professor!” –

Es sieht so aus, als wäre er sehr bestrebt, mir seine Anerkennung offen zu zeigen.
Lässig sagt er: „Ich weiß, dass sie etwas Gutes, vielleicht sehr Gutes geschrieben haben. Ihre Hausarbeit, wenn ich sie so sehe, nach dem ersten Eindruck, gibt zu allen Hoffnungen Anlass!!” –
Ich: „Was sind denn ‘alle Hoffnungen’?” –
Er: „Aus sich können sie etwas machen. Davon bin ich überzeugt. Sie sind nicht nur einfach normalbegabt wie so viele der Studenten, sondern sogar mehr als normalbegabt, sogar hochbegabt!!!” – Ich versuche mein Erstaunen ein wenig zu verstecken. In dieser Deutlichkeit hätte ich eine solche Äußerung zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht erwartet, auch nicht von diesem Professor. Er scheint ein Schnellurteiler zu sein! Das ist die erste Hausarbeit bei diesem Herrn Professor, wohlgemerkt!
„Ich bin willens, etwas aus mir zu machen!” äußere ich überzeugt. Ich will das wirklich, will alles versuchen.
„Sie sind willens, … sehr schön, Herr …! Ich bin davon überzeugt, dass sie sich noch verbessern werden. Sie sind entwicklungsfähig! Da gibt es eine berufliche Zukunft für sie in meiner Teildisziplin, denke ich mal.” – Hierauf wage ich kaum noch meinen Mund aufzumachen. Dieser Professor zeigt mir überdeutlich, dass er sehr viel von mir hält. Inzwischen lässt hat er unmerklich meine frisch eingereichte Hausarbeit in seiner Schreibtischschublade verschwinden lassen.
Schnell fügt er noch an: „…denke ich! Ich weiß es natürlich nicht, zumal jeder, der studiert, jeder, der einen Abschluss gemacht hat, für sich selber steht und für sich selbst die nötigen Leistungen zu erbringen hat, deren Qualitäten und Erfolge letztlich unkalkulierbar sind! Das ist nun mal so. Wir leben in einer Welt des Wettbewerbs auch unter den Wissenschaftlern! Es wird um Bedeutung, Anerkennung und Ruhm gekämpft!” –
Und ich gleich: „Dessen bin ich mir sicher, Herr Professor! Dieser Wettbewerb scheint sehr hart zu sein. Der Mensch braucht möglichst eine unerhört starke Begabung, sonst kann er sich nicht durchsetzen!” –
Er, freundlich nickend: „Wie wahr!!! Wahr ist auch, dass sie eine starke Begabung für mein Fach besitzen, kein Zweifel!” –
Ich: „Ah!” –
Er: „Sie sagen nur ah!?” –
Ich, wieder beredt: „Ich freue mich immer ganz gern über positive Urteile zu meiner Person!” –
Er: „Wunderbar!” –

Ich beabsichtige nicht etwa nur ein bisschen für die Uni zu arbeiten. Ich will für mich eine große Zukunft!!! Ich bin einer der Fleißigen. Meine Begabungen und Fähigkeiten werde ich sinnvoll und zweckgemäß einsetzen. Die Teildisziplin, die hier gerade gefragt ist, schätze ich außerordentlich hoch. Somit werde ich für dieselbe viel arbeiten.
Und ich, trotz Wortkargheit: „Jeder will lieber positiv beurteilt werden!” –
Er: „Sehr schön! Das sehen sie ganz richtig – ich kann das bestätigen aus der Erfahrung über viele Jahre hinweg!” –
Ich hinwiederum wortkarg: „Ja.” –
„Das,” so meint der Professor, „mag ich an ihnen: ihre Offenheit, ihre Ehrlichkeit; ihre Begeisterung für mein Fach, ihren Fleiß und ihren Eifer … solche Studenten schätze ich über alle Maßen!” – Langsam werde ich nervös. Dieser Professor könnte in Lobeshymnen abgleiten. Das würde mir nicht sehr gefallen – ich möchte aufstehen und gehen. „Noch nicht gehen!!” fordert er mit einem ironischen Blinzeln im Augenwinkel, „sie können mir doch nicht so einfach abhauen!!” –
„Ich habe gleich Seminar!” teile ich sofort mit, stehe schon. Und er erhebt sich von seinem Stuhl.
„Sie müssen mir mehr über ihre wissenschaftlichen Interessen mitteilen!” sagt er und meint es vermutlich sehr ernst.

„Ich erwarte,” so sage ich eher zu schüchtern, „dass ich mich in ihrem Fach bewähren werde! – Meine Interessen sind weit gestreut. Was ich studiere, liebe ich. Es gibt sehr viel zu studieren, was ich liebe … enorm!” –
Er: „Sie sind ein Viel-Studierer. – Nun, ich kann das nur gutheißen! Bei mir sind sie richtig!” – Hierauf nicke ich zustimmend. Er lächelt. – Jetzt setze ich mich wieder auf meinen Stuhl. Er setzt sich wieder an den Schreibtisch.

Draußen vor der Tür wird eine Tür zugeschlagen. Es ist laut. Gelärm geht los. Der Professor horcht neugierig auf, will schon raus, um nachzusehen, lässt dann aber davon ab. Er ist unentschlossen, ist er doch offensichtlich auf mich vollauf konzentriert. Ich will ihm das keineswegs übelnehmen, keineswegs! – Ich bin von seiner menschlichen Lauterkeit und seiner professoralen Kompetenz völlig überzeugt.
Ich mit Ironie: „Da ist was los, was nur …!?” –
Er, vielwissend: „Vielleicht ist irgendjemand aus einem Zimmer geworfen worden!” – Wiederum wird eine Tür zugeschlagen! Und der Professor interessiert sich schon weniger dafür.
„Sie wissen ja,” meint er dann, „viele Menschen, die sich an die Uni verirrt haben und keine Leistung bringen, müssen frühzeitig gehen. Sie werden entfernt. Die Dozenten und Professoren sorgen dafür.” –
„Ja”, sage ich, „davon habe ich gehört!” –
„Ja, davon haben sie auch schon gehört!” – Wir sitzen einträchtig einander gegenüber; die Stimmung ist alles andere als schlecht. Sie ist sogar noch besser geworden in den letzten Minuten.
„Wollen sie nicht mal nachsehen?” fragt er mich.
„Lieber nicht!!” antworte ich leicht verschüchtert. Alsdann geht er vor seine Tür und schaut binnen weniger Minuten nach, was los ist. Währenddessen bleibe ich auf meinem Stuhl sitzen.
Es ist nicht langweilig hier. Ich fühle mich ausgezeichnet! Alles kommt mir sinnvoll und zukunftsbezogen vor, es kommt mir nicht nur so vor, vielmehr ist es einwandfrei so!

Ungeduldig will ich jetzt partout nicht sein, jede Minute finde ich äußerst interessant. Ich lerne ständig hinzu. Der Student sollte ständig hinzulernen können … und ich finde nicht, dass ich einfach gehen sollte; auf einen Hochschullehrer wartet man, wenn er während eines Gesprächs aus dem Zimmer gehen muss.
Direkt vor dem Professorenzimmer scheint es zu rumoren. Mehrere unbekannte Stimmen beteiligen sich an irgendwelchen Gesprächen. Diese Gespräche werden laut und konfliktreich geführt. Heftig geht’s zu. Eine Stimme hebt sich als besonders aggressiv von den anderen ab. Die Lautstärke der Gespräche, teilweise kurze Schreiereien, steigt immer stärker an – ich weiß nicht so recht, was das bedeuten soll. Ich verstehe kaum mal einen ganzen Satz! Viel Erfahrung im Interpretieren von so etwas habe ich nicht. Unerwartet schnell kehrt der Professor ins Zimmer zurück.

„Sie wissen nicht, was passiert ist?” fragt er mich, während er sich auf seinen Stuhl hinterm Schreibtisch setzt.
Ich, neugierig: „Nein, ich weiß das nicht!” –
„Wir haben einen Randalierer aus dem Haus geworfen. Es ist höchstwahrscheinlich, dass er relegiert wird. Professor Schröder von ganz hinten im Gang musste ihm nämlich einen Leistungsnachweis verweigern, woraufhin der Student zu einem Faustschlag ausholte. Er führte den Faustschlag aus. Dann ging der Professor zu Boden.” –
Ich: „Das ist aber interessant – – – ein Randalierer. Er hat seine Zukunft kaputtgeschlagen.” –
„Damit haben sie ohne Frage recht!” –
Ich: „Hmm. Es kommt häufig vor, dass Studenten randalieren?” –
„Davon kann keine Rede sein!” antwortet der Professor und schüttet sich aus einer braunen Flasche etwas in einen schwarzen Plastikbecher. Danach trinkt er aus demselben.
Er weiter: „Die jungen Menschen sehen sich meist vor, wissen sie doch, dass sie schnell von der Uni entfernt werden! Sie sind vorsichtig in dem, was sie sagen. Manche sehr vorsichtig!” –
Ich: „Die Zeiten sind schwer geworden. Der schlechte Arbeitsmarkt. Die vielen Idioten, die einen überall dort bekämpfen, wo sie für sich persönlichen Vorteil und Gewinn erhoffen – und keine Schliche auslassen, nur um nachweisbar Erfolge verbuchen zu können.” –
Der Professor: „Da sagen sie was!” –

Vor dem Professor-Zimmer ist es viel ruhiger geworden. Ich sitze immer noch hier, bekomme viel Zeit, obwohl draußen viele Personen stehen und warten, wie unbedingt anzunehmen ist. Eigentlich kann das nicht ganz angehen, denke ich selbstkritisch. Andere müssen ebenso herein wegen ihrer Angelegenheiten, die zu klären sind!
„Herr Professor!” sage ich. Und er schaut mich an.
„Viele von uns Studenten fürchten die Professoren. Dabei sind viele von ihnen ganz nett!” –
„Wir sind auch nur Menschen; aber wir wollen als Personen von Autorität ganz ernstgenommen werden.”
„Das ist aber voll gewährleistet,” meine ich mit Überzeugung, füge schnell an: „Ich werde mich verabschieden, Herr Professor!” –
„Bitte. Sie haben ganz recht, andere müssen auch rankommen!” –

Ende

Kay Ganahl
Copyright by Kay Ganahl.
All rights reserved.

Leave a Reply