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Der Einbrecher war wahrscheinlich – wie wir später annehmen konnten – ein sehr erfahrener Agent, der seinen Auftrag nahezu geräuschlos ausführte. Und der sich mit größter Geschicklichkeit bei Anwendung von Gewalt zügig Einlass ins Haus verschaffte. Unser ganzes Haus war, wie jede Nacht, in ein schummriges Halbdunkel getaucht. Eine Alarmanlage hatten wir ja nicht.
Schon war er im Schlafzimmer. Wir schliefen hier. Zunächst schliefen wir einfach weiter, weil er uns durch sein Tun nicht aus dem Schlaf riss.
Wie wir später außerdem rekonstruierten, ging er in diesen wenigen Minuten an Schubladen im Schlafzimmer, kramte auch in Koffern und ging sehr wahrscheinlich durch das ganze Haus. Er zerpflückte die Inhalte aller Taschen, die wir in den Räumen verstreut hatten, weil wir einen schwachen Ordnungssinn haben. Er fand Geldscheine, die er einsteckte. Fand Lippenstifte, kostbare, die er ebenfalls einsteckte. Was er glücklicherweise nicht fand, war meine kleine Tasche, in der Ausweise und Straßenkarten waren. Diese verbarg ich regelmäßig unter dem Kopfkissen, auf welchem ich nachts schlief.

Nach etwa zehn Minuten, als ich aus irgendeinem Grund wach geworden war, ertappte ich ihn während seiner „Arbeit“. Sowieso wachte ich nachts immer mal aus irgendeinem Grund auf, dann irrte ich unruhig im Haus umher. Heute war uns das sehr nützlich.
Ich blickte ihn genau an: sein Gesicht war selbst im Halbdunkel als ganz fahl erkennbar. Meine Frau Jette stand neben mir, denn sie war mir wider meinen Willen nachgegangen. Sie richtete die Gaspistole direkt auf diesen unbekannten Menschen, dessen schwarze Kluft auf uns gar nicht befremdlich wirkte. Jette hätte ihn wohl am liebsten sofort für sein Verbrechen bestraft, doch ich überzeugte sie mit einer schnellen Geste davon, dass wir die Polizei rufen mussten.
Der Einbrecher stand mit allem Geraubten da und atmete schnell und laut.

„Was haben Sie sich dabei gedacht?“ fragte ich ihn streng, doch er schien gar nichts sagen zu wollen. Jette wurde sehr wütend. Sie schoss mit der Gaspistole vor die Wand. Hier in der Halle unseres Hauses waren wir ihm im Augenblick stark überlegen, weil wir sehr entschlossen und hellwach waren. Er war der Überraschte. Er hatte allem Augenschein nach gar keine Waffe bei sich.
„Diesen Menschen werden wir nicht der Polizei übergeben!“ rief Jette aus. In ihrem Morgenmantel sah sie auch jetzt ziemlich verführerisch aus, aber ihr Gesicht der Wut kontrastierte erschreckend mit diesem Eindruck. Ihr war eine Menge zuzutrauen, wenn so ein Mensch vor ihr war. Ich musste sie kontrollieren!
„Wir müssen das tun, Jette!“
„Nein! Ich bin dagegen!“

Alsdann warf der Einbrecher alle geraubten Gegenstände zu Boden, drehte sich wahnsinnig schnell um und versuchte zu flüchten. Jette schoss auf ihn, doch das nützte nichts. Mir war dieses Subjekt eher gleichgültig, obwohl ich durchaus hätte mehr als verärgert sein sollen, doch ich wollte mich mit ihm nicht mehr befassen.
Jette versuchte ihn zu fangen, was ihr offensichtlich misslang, weil sie ohne ihn wutentbrannt zurückkam.
„Und jetzt? Er ist fort …!“ sagte ich zu ihr. Sie verzog den Mund. Sie lächelte hämisch. Und dann ging sie wieder in unser Schlafzimmer zurück. Die Gaspistole hatte sie wohl noch bei sich.

Am nächsten Morgen sprach ich mit Jette über das Ereignis der Nacht, deren Verlauf sie sich mit ihrem Aktionsdrang anders vorgestellt hatte. Gern hätte sie den Einbrecher niedergeschossen, was denn sonst, aber das wäre falsch gewesen, wenngleich ich bei Überprüfung aller geraubten Gegenstände ein ganz wichtiges Dokument vermisste, die der Einbrecher sicherlich immer noch bei sich hatte, als er unser Haus verließ. Er war kein normaler Einbrecher gewesen, so viel stand für mich fest, weshalb ich innerlich Jette mit ihrem Aktionsdrang geradezu recht geben musste, denn wenn sie geschossen hätte, so hätten wir den am Boden Liegenden durchsucht und höchstwahrscheinlich dieses geraubte Regierungsdokument gefunden.
Weil ich seit vielen Jahren an leitender Stelle bei der Regierung beschäftigt bin, bewahre ich manchmal das eine oder andere wichtige Dokument oder Urkunde in meinem Privattresor auf – oder habe es auch einmal im Haus rumliegen. Letzteres ist natürlich falsch.
Die Mitteilung meines unmittelbaren Vorgesetzten und der Dienstaufsicht, nachdem ich am Folgetag auf die Nacht des Raubes alles berichtet hatte, dass dieses geraubte Regierungsdokument als von größter Relevanz für die außenpolitische Orientierung der Regierung in den kommenden ein, zwei Jahren eingestuft worden ist, beunruhigte mich natürlich. Unabsehbar waren die politischen Folgen dieses Einbruchdiebstahls in mein Privathaus. Ich fühlte mich schuldig, aber der Einbruch war nun einmal geschehen. Der Einbruch als ein außergewöhnlich negatives Ereignis war auf jeden Fall einer der Tiefpunkte meiner beruflichen Karriere. Glücklicherweise war das geraubte Regierungsdokument gemäß geltenden Sicherheitsvorschriften ordnungsgemäß in meinem Privattresor verwahrt worden, weshalb man mich nicht dienstrechtlich für den Verlust des Regierungsdokuments zur Rechenschaft ziehen konnte.
Leider verdächtigte mich – und das versetzte mich bass in Erstaunen – mein unmittelbarer Vorgesetzter Berrich, ein bulliger 55jähriger mit Zukunft im Ministerium, Einbruch und Raub des Regierungsdokuments organisiert zu haben. Offenbar hielt er mich für einen Spion, der reichlich ungeschickt vorgegangen war. Und der nun kurz vor der Enttarnung stand, da er, Berrich, so ein heller Kopf sei, der jedem auf die Schliche kommen könnte. Ich fand das lächerlich.
Warum hätte ich meine Existenz auf’s Spiel setzen sollen? Wegen so eines bisschen Spionage hätte ich niemals etwas organisiert, um dann selbst in Verdacht zu geraten.
Der Staatsschutz (die Kriminalpolizei hatte auftragsgemäß in der Nacht und später agiert) hatte sich bei uns schon eingefunden und Gespräche sowie Vernehmungen durchgeführt. Gleich bekam ich den Eindruck, dass man mich und meine Frau verdächtigte. Es wurde nicht offen ausgesprochen.
Kein Wunder, dass Berrich mich auch verdächtigte, denn dieser Mensch wollte im Amt Karriere machen, wozu ihm jedes Mittel recht war. Eine Spionage-Aktion kam ihm da äußerst ungelegen! Das konnte ich allerdings bestens verstehen.

Jette blieb weiterhin sehr cool. Auch sie wurde vom Staatsschutz vernommen. Sie verdächtigte niemand, war sie doch mit ihrem entschiedenen Verhalten gegen den Einbrecher den Beamten nur positiv aufgefallen.
Am Tag nach unseren Vernehmungen saßen wir am Frühstückstisch in unserem Garten und besprachen, was sich begeben hatte und was sich vermutlich noch begeben würde. All dies war nicht dazu angetan, uns zu begeistern. Unsere sichere materielle Zukunft war in Frage gestellt, obwohl ich ja tatsächlich so unschuldig war wie meine Ehefrau. Ich konnte nichts für den Einbruch. Lediglich die Aufbewahrung des Dokuments in meinem Privathaus war als ein Fehler zu betrachten, aber nach meiner Auffassung ein entschuldbarer, denn alle Spitzenbeamten des Ministeriums arbeiteten zu Hause an Akten, bewahrten sie folglich auch in Privattresoren auf.
Jette, die sich mir gegenüber enttäuscht zeigte: „Du musst etwas falsch gemacht haben. Warum verdächtigt man dich bloß – dich, den verdienten Beamten, der sich niemals etwas zu Schulden kommen ließ?“ Ich zuckte mit den Schultern.
„Warum, Karl?“ Aber ich wusste darauf nichts zu sagen, außer: „Berrich führt etwas im Schilde, vermute ich … nur er hat etwas von dem Schaden, der mehr mir als dem Amt durch den Dokumente-Raub zugeführt wurde!“

Kay Ganahl
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