Feed on
Posts
Comments

Als Geheimer

DIE WELT UND ER Er empfand die Welt, die ihn umgab, nicht mehr. Sein Weg war kurz gewesen.
Die persönliche Genugtuung darüber, nur ein Mensch zu sein, war jetzt viel zu wenig. Inzwischen fühlte er sich ausgesetzt und verlassen – die Einsamkeit setzte ihm sehr zu!
Es war einfach so … er schritt schnurstracks gegen den Wind, immer geradeaus, gegen alle Widerstände. Sah sich auf dem Pfad der Tugend
(welche ihn die Wirkmacht des Bösen noch stärker erkennen und empfinden ließ)wandeln. Er war durchaus ein Mensch, der ein Gott werden wollte, so dachte er, wenn er sich gelegentlich in einer Selbstbetrachtung erging – … insgeheim (er sah sich selbst als Liebling aller Geheimdienste) offenbarte sich auch in seinem subjektiven Betrachten und Beurteilen der Menschen und Dinge die tendenzielle Hinwendung der Gesellschaft zum Guten, zum Besseren, manchmal sogar zum Rosaroten. Dies war etwas, das sich zwar täglich im Dazwischen des gesellschaftlichen Miteinanders und Gegeneinanders zeigte, jedoch kaum als ein solches erkannt werden konnte, weil es niemand ohne Weiteres für relevant in seinem Wahrheitsgehalt hielt.

SO WAR ER EBEN Er galt als integere Persönlichkeit, der man vertrauen kann. Ein Mensch, der Fähigkeiten hat. Vielleicht noch mehr … !
Darum lobte man ihn, wenn von ihm etwas als ein Gelungenes vor den Augen der anderen Menschen bestehen konnte. Er galt ihnen als engagiert, – seine engagierte Haltung gegenüber dem, was er als ganz wichtig und für erstrebenswert ansah, beeindruckte viele Zeitgenossen dermaßen, dass sogar viele gegen ihn als Konkurrenten aufgefahrene kritische Zeitgenossen, die selber unter dem ganzen Erfolgsdruck zusammenzubrechen drohten, auf Grund seiner moralischen Überlegenheit einfach frühzeitig aufgaben! Die „Geschicklichkeit“ im Umgang mit anderen Menschen, besonders seinen Konkurrenten, zeichnete ihn aus.
Hellsichtiges Denken in Bezug auf die Zukunft, auch eine gewisse Verrücktheit waren ihm eigen.
Aber, das sei hier auch berichtet, was er als unabhängiger Geist, human denkender und genauso empfindender Mensch von sich selber hielt, war den meisten kritischen Zeitgenossen ganz egal. Jedenfalls war er sicher, dass es so war.

Den großen Bedeutsamen erblickten sie in ihm wohl!
Er versuchte in sich den einfachen, weitgehend bedürfnislosen Menschen zu sehen.

Beruflich in einem Teil des Staatsapparats tätig, der vielen restriktiven Auflagen und Vorschriften bezüglich der Geheimhaltung unterliegt, war er eifrig und äußerst gewissenhaft, zumal relativ erfolgreich tätig, doch als Mensch, der Probleme hatte, stockte er nur zu oft im Aufsagen seiner allmorgendlichen Verse und Reime. Es gab ihm den Hinweis auf akute Mängel seines psychischen Apparats. Auf Dauer konnte dies nicht gutgehen. Es war seinerseits zu vermuten, dass er im nächsten Gesundheits-Check nicht genügend Punkte erreichen würde, um danach normal seine Arbeit fortzuführen. Seine Tage als Kraft, auf die man in diesem bestimmten Teil des Staatsapparats bauen konnte (und musste), waren wahrscheinlich gezählt.

SEIN PERSÖNLICHER PROBLEMHORIZONT Im normalen Leben fand er sich mittlerweile nicht mehr gut zurecht.
Gern ging er auf die Straße, um zu spazieren. So konnte er sich noch frei fühlen und beobachten: die Straßenzüge, die er auf seinen langen abendlichen Spaziergängen hinter sich ließ, waren meist schmal und krumm gezogen, so dass er sie während des Spazieren-Gehens genau wahrnahm und in seinem Gedächtnis bestens abspeicherte. Auf der Straße erkannte ihn keiner als der, der er war, was er genoss. Er genoss es wahrhaftig!
Was es nicht alles zu sehen gab! Die Plakatwände waren voll mit idiotischen Bildern, die nur das Tollste offerierten. Aber was nicht in sein Originalitätsschema passte, worauf es ihm ganz besonders ankam, vergaß er denn doch oftmals.

Die Probleme, die er hatte, interessierten keinen anderen Menschen. Er war den anderen etwas völlig Fremdes, mehr noch als sie für ihn so etwas waren.

Es war diese gegenseitige Fremdheit, auf der ein starkes gegenseitiges Desinteresse basierte, was ihn frustrierte. Er konnte damit nicht umgehen – doch wer hatte ihn denn alleingelassen? Er wusste es nicht. Es hatte doch nie eine starke soziale Beziehung von Dauer für ihn gegeben, eine liebe Person. Das war festzustellen.
Vertrauen zu schenken war für ihn etwas gänzlich Unbekanntes. Dies hatte er längst bemerkt, ob er es sich auch offen eingestand, war etwas ganz anderes. An stillen Abenden der Einsamkeit lebte er vor sich hin.
Und die bohrenden Zweifel im Hinblick auf dieses Leben zwangen ihm mehr und mehr erschreckend düstere Gedankengänge auf. Dies ist vielleicht nicht ganz verständlich für Menschen, die die Geselligkeit schätzen und normal ausüben.

Er liebte besonders die in schöner Buntheit tanzende Mattscheibe, in der er die Welt sehen konnte – eine Welt, die mal schön aussah, dann wieder hässlich und weitestgehend von Übel. In allen möglichen Facetten. Das befriedigte ihn zwar nicht, doch er konnte es immerhin für sinnvoll halten, unter anderem erkannte er für sein Leben eine Vielzahl von theoretischen und praktischen Verwendungsmöglichkeiten. An vielen Abenden saß er allein vor der tanzenden Mattscheibe, um sich auch die telegenen Schnauzbärtigen mit ihrem einfältigen Getue reinzuziehen, weil er für sich keine andere Wahl sah. Er musste dies glotzen. Eben auch die Schnauzbärtigen zerrten ihn in die Einsamkeit. Wohl unbewusst flüchtete er in diese Einsamkeit, dann kam er nicht mehr heraus. Nun? Jedenfalls waren seine Abende nur TV-Abende.
Er saß da. Er starrte auf die Mattscheibe. Er genoss den Alltag der anderen. Er phantasierte auch mal so vor sich hin.
Jedwedes Zukünftiges und ihn in seiner Persönlichkeit wirklich Erweiterndes vermisste er.

ER ALS GEHEIMER. Ab und zu tat sich aber auch etwas, das ihm positiv anmutete. An einem Tag hatte er eine gute berufliche Leistung als Geheimdienstler erbracht. Und es war einfach so: er wusste nämlich so viel, dass sie, die Vorgesetzten, ihn in der Hierarchie höherstufen mussten, um ihm zu beweisen, dass sie seine Arbeit schätzten. Nun war er endlich mal froh, ein Geheimdienstler zu sein. Sein Werdegang würde sich vielleicht noch vollendend bereichern.
Vorwärts, vor! brüllte er, ohne an die eherne Geheimhaltungsnotwendigkeit zu denken. Unter allen Tischdecken, marsch! Kein Pardon den Untüchtigen und dem Klassenfeind! Er gab sich selbst am wenigsten Pardon. Und dann marschierte er vor, gegen sich selbst, ohne sich noch einmal umzusehen.
Während er diese heldenhafte Tätigkeit vornahm, fuhr er mit seiner linken Hand über seinen Bauch.
Dann war er auf der Straße vor seinem Amt, das von außen wie irgendein Finanzamtsbau auf die Menschen wirkte. Es platschte, die Menschen grüßten ihn nicht. Plötzlich jaulte er wie ein Köter, der sich verlaufen hatte. Verzweiflung raste zu seinen Augenbrauen, sie hüpften wie verrückt. Seine Haare standen ihm zu Berge — er starrte nach oben. Das Himmelsgewölk schien ihn bedrohen zu wollen. In diesem Augenblick faszinierte er einen ihm Unbekannten auf dem Bürgersteig, der unmittelbar vor ihm stand. Dieser hatte tatsächlich leuchtende Pupillen, die Genialität ausstrahlten.
Er ging jetzt so gefasst wie möglich weiter. Als Geheimdienstler war er so einige Verrücktheiten des Lebens gewohnt, aber derartiges war ihm neu.

GEHEIMER – HILFESCHREIE In irgendeiner Nacht. Augenpaare störten ihn in seiner Wohnung aus seinem Schlaf auf. Er fuhr hoch. Schlaftrunken sah er sich hektisch um. Es war niemand anwesend. Die Augenpaare waren wohl von innen her erschienen. Dann stürzte er in ein tiefes Loch, aus dem herauszukommen schwer war. Seine Hilfeschreie verhallten ungehört. Im Loch lag er nun und jammerte. In dieser Hilflosigkeit wollte und durfte er nicht bleiben! Visionen, dunkel und zerreißend, zerrten ihn gleich darauf aus dem Bohrloch heraus, in das er gefallen war. Feuchte Finger, sich an ihn schnell herantastend, berührten ihn jetzt im Dunkel. Wer klopfte anschließend auf seine linke Schulter?
Tatsächlich war er höchst gegenwärtig, konnte durchaus noch erkennen, wie real er in seinem Bewusstsein über das Hier und Jetzt war!
Er lachte, als er im Bad seiner Wohnung ausgerutscht war. Und er lachte auch, als er nichts mehr denken konnte … die feuchten Finger zogen ihn zurück in sein Schlafzimmer …

GEHEIMER – BEFINDLICHKEITEN Die frohen Unternehmungen von Menschen, die ihn persönlich ablehnten, waren ihm zuwider. Es lockte ihn eine glorreiche Zukunft mit ihren blütenreinen, wahnschwangeren Versprechungen. Es war alles so miserabel für einen wie ihn!?
Ein Nichtverstehen der Welt der Gegenwart und von allem, was er kannte, durchströmte seinen Körper. Unsicher balancierte er zwischen seiner Vergangenheit, der Gegenwart und einer glorreichen Zukunft. Ein Schwarz ohne Sinn belebte ihn mehr und mehr. Es war eine depressive Phase, die begonnen hatte. Er glaubte, nicht mehr vorwärts zu kommen – diese Phase musste er überstehen.
Und die vielen Kommas, die er für die zu schreibenden Sätze in vielfältigen Variationen erfand, enttäuschten ihn wegen ihrer Gleichgültigkeit ihm gegenüber, obschon er sie doch höchstpersönlich erfunden hatte.

An irgendeinem Tag. Nunmehr stand er auf einem Bahnsteig; gelangweilt schützte er sich gegen die üblichen missratenen Angriffe von Seiten irgendwelcher Personen, die sich alle als Persönlichkeiten fühlten. In Wirklichkeit waren sie belanglose Schattengestalten aus dem faden Alltäglichen, welche sich nicht ausdrücken konnten. Natürlich war er an diesem Ort von sich selbst mehr als überzeugt – ! Hier legte sich die Depression merklich. Er schöpfte tief Hoffnung. Sein Zukunft offenbarte sich ihm in einigen guten konstruktiven Gedanken.

Sage und schreibe zwei Minuten hatte er auf den Zug, der ihn ins endgültige Vorwärts bringen sollte, zu warten.
Er war jetzt mal froh, mal bedrückt. So viele Menschen. So viel nervöse Ruhe der Wartenden. Ankommende und abfahrende Züge. Niemand sah ihn wirklich.
Fraglos glücklich war er niemals, schon gar nicht jetzt, da er alle hasste, die er sehen musste. Aber direkt unglücklich war er ebenso wenig, weil er immer noch den einen oder anderen Hoffnungsschimmer für die Zukunft erkannte.
Zonen des Schweigens paarten sich vor ihm, zeugten neue, vielleicht höhere Sphären des Seins, die durch das Schweigen hindurchtreten mussten, um in der gesellschaftlichen Realität zu landen.

GEHEIMER UND FEINDE Als er im Zug saß, kamen ihm kritische Gedanken. Er wusste nicht, wohin er fahren wollte, aber jedenfalls saß er in diesem Zug.
Als ein Geheimer kannte er manche Schlichen, manche der widerwärtigsten Taktiken. Seine Feinde kannten sie auch. Er kannte zudem die subtile Vernunft sowie die kreative Phantasie, die seine Feinde an den Tag legten, um es ihm zu zeigen.
Dennoch war er noch zu positiven, erheiternden Gefühlskatarakten fähig, welche ihn jedoch nicht etwa ausreichend befriedigten, sondern ihn mitunter an eine Grenze führten, die vor dem Abgrund retten sollte. Sie war mit Glitter ausgeschmückt.
Nichts verging schneller als die geheimen Machenschaften, wenn sie entdeckt werden konnten, und wenn jemand da war, der sie der Öffentlichkeit eröffnete. Was für Aktivitäten dafür nötig waren, sagte er keinem, auch nicht dem Vertrautesten.
Wenn er auch manchmal Glücksgefühle empfand, sobald er „tätig“ wurde, so kamen sie sicherlich nicht beim gezielten De-Konspirieren auf. Seine Feinde traten nur zu gerne auf ihm herum.

Welt formte sich neu. Die Zeugung des Neuesten durfte nicht, so sagte er sich, ohne seine tätige Mitwirkung erfolgen. Daher mühte er sich ab, erfand neue Wege, wenn es sie schon nicht in der Realität gab.
Feinde, oder wie immer man solche Menschen nennen sollte, gab es zuhauf. Wenn diese bemerkten, dass jemand aktiv wurde, der zu mehr fähig war als sie selber, so dachten sie sich viele verschiedene, äußerst einfallsreiche Tricks aus, um ihm zu schaden. Er musste immer auf der Hut sein. Überall wartete eine Falle darauf, dass er in sie hineintrat. –
Woraus bestand denn das, was sich Außenwelt zu nennen beliebte?
So genau wusste er das trotz seines Berufes nicht. Er blieb ein Unzufriedener, der im Grunde ein Leben lang ungehört blieb, dessen persönliche und berufliche Perspektiven zerliefen, bevor sie noch verkrampfen konnten. Der aber dennoch in der Zwecklosigkeit kein Auskommen fand, weil sie eine fatale Bedeutung hatte.

Kay Ganahl
Copyright by Kay Ganahl
All rights reserved.

Leave a Reply