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Wir kennen ihren Vornamen. Sie hieß Ellie. Nur ganz weniges wissen wir über das Leben, das sie vor dem nachfolgend berichteten Schicksal geführt hatte. Sie war eine der jungen Frauen, die eine berufliche Laufbahn vor sich hatten, mit der sie vielleicht geglänzt hätte. Angesichts ihrer charakterlichen Qualitäten und zahlreichen Fähigkeiten hätte sie, was wir vermuten dürfen, ein zufriedenstellendes bürgerliches Leben geführt.
Allerlei Erfahrungen, die sie in bestimmten Augenblicken und Lebenssituationen hatte machen wollen, wollte sie seit März 1981 nicht mehr machen. Ihr wurde das Bedürfnis, etwas zu erfahren, vermiest. Nichts würde mehr so sein wie vorher! Eine radikale Veränderung war eingetreten: Sie war ganz allein. Ihre soziale Isolation auf Grund einer zu einer Extremsituation manipulierten relativen Normalsituation hatte das verursacht.

Nämlich sie stand unter ständiger Überwachung. Die soziale Isolation wurde künstlich verursacht. Sie konnte nichts dagegen unternehmen, jedenfalls wurde sie in dem Glauben gelassen. Außerdem meinte sie den „guten Grund“ für diese „Maßnahme“ zu kennen: „Belastungstest“. Das war aber viel zu vage – sie hatte es mit Fremden einer autoritären Organisation zu tun, welche zu ihr anonym sprachen, zu anderen, zu vielen Menschen. Zu wem sie wirklich sprachen, das wusste sie allerdings nicht, und auch nicht, welche Anweisungen oder Ratschläge Menschen erreichten. Ein Ding der Unmöglichkeit war es, sich zu beschweren. Bei wem denn auch? Alles und alle schienen ihr manipuliert zu sein.
Dieser „gute Grund“ war die Rechtfertigung für die künstliche Extremsituation, die ihr die Lebensfreude wesentlich nahm. Unmittelbare psychische und physische Einwirkungen in Form von Strahlen aus der räumlichen Distanz, führten zu extremen Belastungen.

Allerdings waren diese Belastungen nicht gleich intensiv und schwer, betrafen mal diese Region der Psyche mal jene. Das gleiche galt für die Physis. Gedankeninhalte wurden manipuliert.
Besonders die Suggestion (siehe unter anderem bei dem Autor Chartess: ‚Mentalsuggestion’) spielte für sie im täglichen bewussten Erleben eine große Rolle. Es ist davon auszugehen, dass verschiedenste Suggestionen falsche Interpretationen der Realität, falsche Annahmen von Sachverhalten – oder zumindest permanente Unsicherheit in ihrem eigenen Urteil verursachten! Was wiederum, einmal bewusst geworden, die Belastungen, denen sie ständig ausgesetzt war, extrem verstärkte.
So kam es zwangsläufig dazu, dass ein überaus starkes Sicherheitsdenken und manche Rücksichtnahmen auf Menschen entstanden. Oft dürfte sie sich etwas eingebildet haben (was auch – und nicht nur hier – per so genannter technischer Eingabe ins Bewusstsein, Unterbewusstsein, in das Unbewusste, besonders aber in das Bewusstsein geschehen konnte). Alles war vertrackt. Eine früher erfahrene psychische und soziale Normalität mit ihrer großen Selbstverständlichkeit gab es nicht mehr für sie. Das war ungeheuerlich. Nichts wurde von ihr noch so erfahren, wie sie es vorher hatte erfahren können. 1981 war insofern ein Jahr des absolut neuen Erlebens. Die subjektive Wahrnehmung wurde von außen extrem negativ manipuliert. Das stand fest.
Was für eine Welt der subjektiven Erfahrbarkeit! Sie drohte verrückt zu werden, flüchtete sich in die Tätigkeiten. Das war eine erforderliche Flucht: Flucht aus der nunmehr stark manipulierten individuellen Erfahrungswelt in die diversen leichten, unterhaltsamen Tätigkeiten, welche immerhin noch den einen oder anderen Zweck verfolgten und sinnvoll waren. Diese Flucht war eine absolute Notwendigkeit für ihr Überleben. Die Tätigkeiten halfen ihr dabei, das Selbstbewusstsein zu stabilisieren. Besser gesagt: zu stabilisieren und auf Dauer zu erhalten. Sie waren ein Schutz gegen die extreme Manipulation von außen.
Nur zu leicht hätte sie vor Verzweiflung des Lebens ganz und gar überdrüssig werden können. Selbstmord war ein Gedanke, der kam. Er wurde schnell weggewischt.

Das Jahr 1981 war ganz schlimm gewesen, doch seit dem Jahr 1983 hatte sich von der offensichtlich sehr pervertierten Realität, welcher sie sich ausgesetzt sah, manches aufgelöst. Und 1989 klärte sich ihr Horizont der Möglichkeiten in der individuellen Erfahrungswelt ein wenig auf. Sogar hielt es Ellie für möglich, normal arbeiten zu gehen, um den Lebensunterhalt zu verdienen. Das wäre ein großer Schritt nach vorne gewesen.
Die Erfahrungen, welche sie tatsächlich machte (insbesondere seit 1987), und die nicht manipulatorisch vorenthalten wurden (ob das gemacht wurde, blieb unklar), konnte sie ja immerhin als Realerfahrungen machen, d. h. subjektiv-real als Individuum erleben. Das war möglich, da sie das normale Gesellschaftsleben als ein solches in der Tat noch persönlich erfuhr – und nicht als pervertiert absurdes Abgeändertes oder nur unverständlich Chaotisches. Erfuhr aber im Zuge der Ausweitung ihrer lebenspraktischen Kreise, dass der mit ihr beauftragte Geheimdienst, mit seiner Strahlentechnik überall Wirkung erzielen konnte.
Immer waren sie, die Geheimdienstler, gegenwärtig. Nichts gab es wirklich. Sie waren gegenwärtig! Ellie fuhr mit ihnen durch ihre Heimatstadt Reizhausen, alle Nachbarstädte, … morgens, mittags, abends – alleine oder mit Leuten, mit Verwandten eventuell.
Das war schon extrem seltsam – es war, als ob niemand von den Passanten, Mitfahrern, Gesprächspartnern, Verkäufern, Bekannten, Verwandten, Leuten allgemein, ihre Anwesenheit negativ-ablehnend notieren wollte, was nach Ellies Auffassung die Pflicht einer jeden Person gewesen wäre. Also jeder mitmachte – gegen sie (wovon sie schließlich fest überzeugt war). Also jedermann sich gegen sie verschworen hatte! Sogar ihre eigene Familie saß zuhause im Wohnzimmer und tat nichts dagegen. Im Pkw des Vaters oder der Cousine: sehr seltsam! Es erzeugte einen unglaublichen Stress. Offensichtlich: jeder war es geradezu, welcher bei den Geräuschen und Stimmen (praktisches Aufkommen von solchen im realen gesellschaftlichen öffentlichen Raum, z. B. einem normalen Verkehrsmittel, einem Ladengeschäft, wo sie sich körperlich und psychisch befand. Genauso und ja als erstes zuhause!) gegen sie mitwirkte. Oder dieser Geheimdienst, der das verantwortlich bei Verwendung der speziellen Strahlentechnik tatsächlich in der Praxis durchführte, den Leuten, die Ellie bekannt waren oder vielleicht ganz unbekannt waren, praktisch aufzwang. Er hatte die technischen Mittel dazu. Die Technik stellte offensichtlich gar kein Problem dar. Personal gab es ebenfalls mehr als genug. Technische Kompetenz und personelle Fachkompetenz wurden gegen Ellie und alle möglichen Menschen skrupellos eingesetzt. Die Skrupellosigkeit bei der Anwendung war groß! Menschen waren nur Marionetten für diesen Geheimdienst – jedenfalls entstand bei Ellie unweigerlich dieser Eindruck.
Menschen hatten für diesen Geheimdienst ausschließlich die Funktion, als Material zu dienen.

Mehrere Möglichkeiten der technischen Direktbeeinflussung konnte Ellie nach und nach bewusst wahrnehmen und verstandesgemäß schnell oberflächlich analysieren (schließlich war sie ständig unter Gedankenkontrolle):

1. die technische Stimme (nur diese Stimme!) der fremden realen, körperlich anwesenden Person wurde erzeugt (um sie herum, in ihrem Körper), um sie Ellie gegenüber als die echte Stimme der Person erscheinen zu lassen. Darauf fiel sie herein. Es war immer stressig.
2. Des Weiteren: die technischen Stimmen irgendwann irgendwo in der räumlichen Nähe wurden erzeugt, obwohl keine reale Person körperlich anwesend war – es waren Individualstimmen. Das erschien befremdlich und lächerlich zugleich! Dies wurde hauptsächlich praktiziert, wenn sie allein in einem realen Raum war.
3. Außerdem konnte eine real existierende fremde Person jederzeit und bei jeder Gelegenheit zu einem Verhalten und einer echten stimmlichen Äußerung mittels Strahlung gezwungen werden.

Diese stete Strahlen-Herrschaft über jeden war extrem bedenklich. Sie stellte ein ungeheuerliches antidemokratisches (sowie: verfassungsfeindliches) Faktum für Ellies subjektive Wahrnehmung dar. Auch Polizeibeamte wurden in ihrer unmittelbaren Nähe negativ beeinflusst. Vielleicht wurden ihnen direkte Befehle erteilt. Das war aber eigentlich gar nicht notwendig.
Die Strahlung (Kurzwellen-, oder Infrarot- oder UV-Strahlen) erfasste jeden Teil des menschlichen Körpers. Die Gedanken wurden perfekt kontrolliert. Alles im Körper, absolut alles war beeinflussbar, manipulierbar, lenkbar, auch und besonders physisch zu schädigen! Allein diese Möglichkeit zur physischen Schädigung war eine ständige Bedrohung (Nötigungen zu bestimmtem Verhalten, zu bestimmten Handlungen eine Einfachheit!).
Ellie ging davon aus, dass die Tatsache der realen Wahrnehmbarkeit der Gedankenkontrolle seitens einer Empfangsperson von Strahlen schon zu einem gewissen Wohlverhalten führen muss. Sie passt sich an. Verhält sich betont angepasst-normal, weil sie unauffällig sein will. Dies ist für sie wohl die Rettung in die Normalität und die Anonymität, denn erst recht bei Gedankenkontrolle scheint man als Einzelner (angesichts des subjektiven Eindrucks, bedeutungslos für einen Geheimdienst sein zu müssen!) am besten aus dieser Situation kommen zu können, wenn man einfach nichts macht, was dem Geheimdienst negativ aufstoßen könnte – also: einfach weitergehen auf der Straße, einfach die Verkaufshandlung durchführen. Niemals auch nur eine Bemerkung aus eigenem Willen heraus, dazu noch kritisch, wie wenn man jemanden alarmieren wollte, tätigen!
Wichtig: seine Gedanken versuchte der Passant auf der Straße vermutlich selbst möglichst konzentriert im Zaume zu halten. Aber eigentlich musste er dabei nicht sorgfältig sein, da der Geheimdienst von ihm wahrscheinlich nicht mehr erwartete als z. B. weitergehen.
Falls nötig, konnte der Geheimdienst sowieso jedermann, der über eine Handlung oder Äußerung zum Nachteil des Geheimdienstes querschlug, perfekt blitzschnell unterdrückt werden.

Das war wirklich die Realität, im unsichtbaren Käfig zu sein.
Das war die Haupterfahrung seit dem Jahre 1981.
Manchmal schien für Ellie die zwanghafte Fixierung auf bestimmte selbst erlebte Ereignisse oder eigene selbst erlebte Handlungen in dauernden Wiederholungen schlimmer als die Hölle jemals hätte sein können. Das war etwas, was immer wieder auftauchte. Sie wurde gedanklich beschäftigt, war oft nahe dem Wahnsinn.
Sie verursachten dies – oder auch nicht. Gründe (Waren die denn echt? Was war denn noch ‚echt’?) für diesen Zustand ihrer Psyche flatterten durch die eigengedankliche Sphäre ihres Individualbewusstseins und ließen sich schlecht festhalten. Gründe, etwas komplexer: Erklärungen mit Wahrscheinlichkeit nahe der bloßen Vermutung waren sehr flatterhaft.

Sie war nicht allein, sondern einsam-allein. Das war doppelt übel, eine bittere Erfahrung. Keiner schenkte ihr die aus psychologischen Gründen so notwendige Gewissheit über diesen Zustand, in dem sie sich über Jahre ihres Lebens befand. Man ließ sie auf eine schreckliche Art hängen. Hier hing sie nun. Nichts gab es wirklich! War der Zustand nicht Einbildung? Selbst das war möglich. Grauenvoll, aber wahr: die Möglichkeit bestand. Vielleicht war sie in einem Netz von Autosuggestionen gefangen!? Aber im Grunde wusste sie schon im Jahr 1981, dass der Zustand KEINE Einbildung war.

Kay Ganahl
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