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Tommy Geil, Lehrer von Beruf, – war er vielleicht ausgebrannt? – war bei seinen Schülern eher unbeliebt, weil er seine Autorität allzu oft spielen ließ. Er saß schon seit einiger Zeit auf dem Steinquader vor dem Museum in Lingenon. Es war heiß. Er döste. Jetzt kam es ihm so vor, als würde ihm die Sonne das Hirn wegbrennen. Eigentlich war er hier ganz deplatziert … seine Augen – oft unruhige Augen, die beschäftigt werden wollten – fuhren plötzlich ganz schnell umher. Er bemerkte Schatten, die auf der Backstein-Wand des Museums huschten. Die Wand mündete in eine enorm lange und breite Fensterfläche. Gleich wandte er sich diesen Schatten zu, sprach sie sogar direkt laut an, doch nichts und keiner reagierte darauf.
„Sie wollen nichts von mir!“ entfuhr es ihm. Unwirsch starrte er die Sonne an, schüttelte seinen Kopf. Er zog eine Sonnenbrille aus der Tasche, die er sich dann auch aufsetzte. Das Aufstehen vom Quader fiel ihm schwer. Mit einem Taschentuch fuhr er über seine Stirn, denn der eklige Schweiß terrorisierte ihn. Der Blick eines blonden Mädchens machte ihn nervös, als er sich wieder auf den Quader setzte.
„Diese … Schweine!“ blökte er. Einige Blicke von Menschen, die er nicht kannte, trafen ihn.
Ach ja, sein voller Name war Tommy Geil-Nocter, was eine Namensgebung war, die er seit frühester Jugend nicht ausstehen konnte. Freundin Josefine lachte immer wieder über sie. Wenn sie jetzt nur bei ihm wäre …, nichts da! Das Museum wartete auf ihn. Oder wartete er auf das Museum? Altertumskunde faszinierte ihn seit je her. Und heute würde er seine Langeweile mit dem Studium des Altertümlichen so gut wie möglich bekämpfen. Jedenfalls trug er sich zeitweilig mit der Absicht.

Wieder starrte er die Sonne an, sie war es ja, die er immer gehasst hatte. Sie schien ihn im Moment anzulächeln. Aber seine Gefühle wehrten sich in dieser Situation wieder mächtig gegen sie. Er wollte sie mögen, die Sonne, diese Sonne, Quelle alles Lebendigen. Es gelang ihm einfach nicht.
Tommy Geil-Nocter verlor sich in tiefschürfenden Gedanken und kuschelte sich mutig an den Steinquader, der ihm aber nicht einmal eine angenehme Rückenlehne sein konnte. Dachte nach: dachte nach, ganz schnell: dachte wirklich angestrengt nach: Was jetzt? Soll er jetzt rein? Ins Museum? Selten zuvor hatte er so intensiv nachgedacht! Obwohl das ja durchaus eine leichte Entscheidungsfindung hätte sein müssen … jedoch wusste er diese Entscheidung nicht zu treffen.

Da drüben hatte sich vor der Museumskasse eine lange Warteschlange gebildet. Der Eingangsbereich wurde von zwei Personen des Wachpersonals überwacht. Viele Leute waren ganz ruhig und geduldig, was Tommy Geil-Nocter fast schon imponierend fand. Doch es war einfach so, leider: Menschenmassen verachtete er über alle Maßen, sie drängten sich durch sein Bewusstsein mit einer Aufdringlichkeit, die ihm große Sorge bereitete. Er musste sie los werden! Momentan musste er einfach warten und nachdenken, seiner negativen Gefühle Herr werden. So war das nun einmal. Und durchaus hämisch grinste er der Sonne in ihr aufdringlich-grelles Gesicht. Gleich würde sich die Menschenschlange beträchtlich verkürzt haben. Nur noch zwei Stunden lang war das Museum geöffnet! – Die Besucher füllten, er stellte es sich lebhaft vor, das Museum bis unter das Dach.
Ganz neugierige Augen untersuchten ihn, als er sich aufrichtete, um sich auf eine der Bänke nahe der fein gemähten Rasenfläche zu setzen. Er erwiderte dies mit einem demonstrativen Wegschauen während des Gehens zur Bank und setzte ein überhebliches Lächeln auf, dessen er sich gar nicht schämte. War das so eine Schülerin gewesen? fragte er sich, als er dann saß. Er führte das Dösen beim Warten auf der Bank fort. Eine effektive, da erfolgversprechende Methode zur Bekämpfung der Langeweile war das allerdings nicht, er hatte es sich einzugestehen!
Dieser Lehrer Tommy Geil-Nocter führte das Dösen fort! Die Zeit verstrich weiter, ohne dass er es so richtig merkte. Er fuhr sich mit seinen Händen durch das fettige braune Haar und erzürnte sich über sich selbst. Hoffte nunmehr auf die Zeitlosigkeit, die er täglich in mancher Fantasie entstehen ließ, ohne einem anderen Menschen davon zu berichten. Nur nicht! Schreckliche Gedanken quälten sich nämlich durch sein Bewusstsein. Sie legten Schatten auf ihn, bedrohten ihn mit der Entstehung einer Depression. Sein Arzt hatte ihn davor gewarnt. Das war vor einer Woche gewesen.
„Sich bloß nicht gehen lassen“, riet er dem Lehrer Tommy Geil-Nocter, der seinen Unterricht manchmal nicht mehr durchführen konnte, weil die Schüler ihn – wirklich – hassten. Sie schreckten mittlerweile vor nichts zurück. Die Schule zu betreten, jagte ihm jedes Mal Angstschweiß über den Rücken. Das Betreten eines Klassenraums auch nur im Kopf zu haben war ihm das Schrecklichste! Ein fürchterliches Grauen.
„Passen Sie auf, Herr Geil-Nocter!“ riet der Neurologe seinem Patienten mit größtem Nachdruck.

Kay Ganahl
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