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I.
Sie lag jetzt ganz still vor ihm. Schwarze Haare, etwas zerzaust. Schlank. Reglos. Mit weit geöffneten Augen, scheinbar auf die dichten Büsche gerichtet. Als wollten sie diese genau betrachten, ihr Bild zur Erinnerung einprägen. Er stand leicht vorgebeugt an ihrem Fußende. Ließ seine Augen über die kleine Lichtung wandern. Sah zunächst alles nur verschwommen. Zerfließende Umrisse. Ungewohnte Farben. Wie in einem Traum. Nach und nach fingen seine Augen zunehmend schärfere Bilder ein. Die Farben wurden vertrauter. Er richtete sich langsam auf. Er begann, die Umgebung zu prüfen. Kein erkennbarer Hinweis auf seine Anwesenheit. Vielleicht einige Fasern im Gras. In Ermangelung eines Rechens nahm er seinen Kamm und säuberte die Wiese um das Mädchen herum.  Frisch gekämmt sah die Wiese sehr adrett aus. Unberührt bis auf Spuren von seinen Schuhen. Laufschuhe mit üblichem Profil. Er betrachtete sie von oben herab. Sie würden eine Zierde jeder Altschuhsammlung sein. Er würde zu verhindern wissen, dass Erde von den Sohlen in seinem Auto zurück bleiben würde. Neue Laufschuhe lagen dort schon bereit. Den Overall, den er trug, würde er in den Plastiksack in seinem Auto stecken. Zu den andern getragenen Sachen. Die Altkleidersammlungen nahmen gerne Kleider an. Man wusste nie genau, ob sie in den Reißwolf wandern würden oder in die dritte Welt. Der Kamm würde sicher auch Verwendung finden. Die Vögel, die die Lichtung überflogen, würden ihn nicht verraten. Es waren schließlich keine Kraniche, sondern Krähen. Auf die Verschwiegenheit der Lichtung mit ihrer dichten Heckenumzäunung konnte er sich verlassen, da war er sich sicher. Irgendwann würden Hunde die Witterung aufnehmen und den reglosen Körper aufstöbern. Irgendwann. Wenn er schon weit weg sein würde. Wenn die Altkleider- und Schuhbehälter geleert sein würden. Übermorgen. Später. Irgendwann.

II.
Schon einen Tag nach Meldung der Tat berichtete die Zeitung von der Festnahme eines Tatverdächtigen. Am Kiosk erfuhr er, wer verhaftet worden war. Es hatte sich schnell herumgesprochen. Anonyme Anrufer hatten der Polizei einen Namen genannt. Sie hatten auch fleißig Gerüchte gestreut. Darauf hingewiesen, dass die Tat nur einem zuzutrauen wäre.  Dass nur dieser über die Maßen freundliche Herr in Frage käme. Hinter seiner unüblichen Freundlichkeit musste sich doch etwas verbergen. Erst neulich hatte er ein Kind gestreichelt, ein Kind, das sich bei einem Sturz verletzt hatte. Hatte er da etwa höflich vorbeigeschaut, wie es üblich gewesen wäre? Wie es sonst jeder getan hätte? Der hatte keine Achtung vor allgemein anerkannten Verhaltensregeln. Dem war also alles zuzutrauen. Die Polizei hatte die erhaltenen Hinweise schließlich auch für überzeugend gehalten. Immerhin hatten sie den ach so freundlichen Herrn ja abgeholt. Früh am Morgen. Nicht schon um sechs, aber auch nicht viel später. Und sie verhörten den freundlichen Herrn immer noch. Schon seit Stunden. Irgendwann würde er das Leugnen, das wohl die Ursache für die lange Verhördauer war, einstellen. Würde gestehen. Sie, die Anrufer, hatten schon immer gewusst, dass bei dem freundlichen Herrn etwas nicht geheuer war. So viel Freundlichkeit war einfach nicht normal. Diese übertriebene, bei jeder Gelegenheit dargebotene Hilfsbereitschaft. Dazu noch ohne Erwartung einer Gegenleistung. Man musste sich erkundigen, ob eine Belohnung ausgesetzt worden war.
Er hörte der aufgeregten Schilderung des Kioskbetreibers aufmerksam zu. Dann ging er nachdenklich nach Hause.  Er bedauerte, dass er den freundlichen Herrn in Schwierigkeiten gebracht hatte. Er musste schnell etwas tun. Er war schließlich ein Ehrenmann.

III.
Der Kommissar blickte mit blitzenden Augen auf den zu Vernehmenden. Der war so, wie ihn die anonymen Anrufer geschildert hatten. Freundlich. Irgendwie nicht normal. Viel zu freundlich und verständnisvoll angesichts seiner außergewöhnlichen Lage. Voller Verständnis für die Verhörenden, die ja nur ihre Pflicht taten. Er hatte  ihnen schon mehrfach zugesichert, dass er volles Verständnis für sie hätte. In der Sache aber blieb er fest. Leugnete standhaft. Bat höflich die Verhörenden um Verständnis. Er sei schließlich der Wahrheit verpflichtet. Er konnte doch nichts zugeben, das er nicht getan hatte. Auch nicht, um den Verhörenden zu helfen. So gerne er das tun würde, so sehr er sich freuen würde, wenn er auch den Verhörenden seine Hilfe zukommen lassen könnte. Er musste doch bei der Wahrheit bleiben. Sie stand in seinem Wertesystem ja noch höher als Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit. Der Kommissar aber ließ nicht locker. Er blitzte immer weiter auf den freundlichen Herrn ein. Er wusste, er hatte stets den Sieg davon getragen mit seinem unwiderstehlichen Blitzen. Er machte deutlich, dass er auch noch die verstocktesten Halunken zur Aufgabe gezwungen hätte. Jeden, der auf dem Stuhl vor ihm Platz genommen hatte. Noch hätte jeder gestanden, der auf diesem Verhörstuhl gesessen hätte. Darauf wies er den freundlichen Herrn eindringlich hin. Er missdeutete das Lächeln, das dieser Hinweis im Gesicht des freundlichen Herrn auslöste, als ein Zeichen von Arroganz. Er wusste nicht, wie viel Freude der freundliche Herr an Sätzen hatte, die sich selbst widersprachen. Der Kommissar beschloss, das Blitzen zu verstärken, seinen Ton zu verschärfen, seinem Ruf gerecht zu werden, der ihm den Beinamen Blitzer eingetragen hatte.

IV.
Es klopfte. Der Inspektor öffnete die Tür, überging die ärgerliche Handbewegung des Kommissars und winkte ihn zu sich. Er bat ihn vor die Tür. Er schloss die Tür hinter dem heraustretenden Kommissar. Der zu verhörende freundliche Herr musste nicht mitbekommen, was zu besprechen war. Man hatte ein anderes Mädchen gefunden. Genau so schwarzhaarig. Genau so schlank. Wieder auf einer Lichtung. Genau die gleichen Tatumstände wie bei dem Fall, der gerade zur Untersuchung anstand. Ein ebenso gründlich gesäuberter Tatort. Genau so frei gekämmt von verwertbaren Spuren. Bis auf ein paar Spuren von Laufschuhen mit Standardprofil. Offenbar ziemlich neu. Sie glichen nicht genau denen am andern Tatort, die Schuhgrößen stimmten aber überein. Alles an beiden Tatorten war so gleich, alle Tatumstände stimmten so sehr überein, dass auch die Täter gleich sein mussten. Geschehen war die Tat vor etwa zwei Stunden. Ein anonymer Anruf hatte die Polizei auf den Tatort hingewiesen. Zu der Zeit saß der Verdächtige für die erste Tat beim Verhör. Wurde vom Kommissar angeblitzt. Konnte also unmöglich die zweite Tat begangen haben. Da beide Taten offensichtlich vom gleichen Täter begangen worden waren, konnte der freundliche Herr also auch die erste Tat nicht begangen haben. Der Inspektor zeigte auf den freundlichen Herrn und fragte, was mit ihm geschehen solle. Der Kommissar wies den Inspektor an, den freundlichen Herrn zu entlassen. Der Inspektor sah, dass das Blitzen vollständig aus den Augen des Kommissars verschwunden war. Der Blitzer wirkte jetzt sehr müde. Der Inspektor sah dem sich langsam  entfernenden Kommissar mitleidig nach. Dann führte er den erhaltenen Auftrag aus. Er glaubte, ein verzeihendes Lächeln im Gesicht des freundlichen Herrn zu erkennen und nickte ihm erleichtert zu.

V.
Das Fehlen von Spuren zwang die Polizei, auf Hinweise zu warten. Neue Hinweise gingen auch ein, allerdings weniger zahlreich. Auf andere Personen zielend. Die Hinweise berichteten von mehreren Läufern. Von einem mit auffallend roten Haaren. Von einem, der auffallend oft die Laufschuhe wechselte. Von einem, der auffallend unsportlich aussah für einen Läufer. Die übliche Art von Hinweisen. Der Kommissar fragte den Inspektor, ob auch schon ein Musiker mit Gitarre angezeigt worden sei. Keiner mit Gitarre. Aber einer mit Klarinette. Die üblichen Verdächtigen. Wir sind nicht in Casablanca, also sollten wir sie nicht gleich verhaften. Die bisherigen Erfahrungen der Polizei mit den Bevölkerungshinweisen waren nicht ermutigend. Besser die vagen Hinweise abheften. Auf überzeugende Hinweise warten. Auf Hinweise, die eine Verhaftung rechtfertigen würden. Oder auf einen Fehler des Täters. Oder auf neue Themen am Kiosk.

VI.
Er stand wieder am Kiosk und hörte zunehmend lauter werdende Äußerungen der Verständnislosigkeit. Die Bevölkerung half, so gut sie konnte. Und die Polizei? Sie hatte einen offensichtlich Unschuldigen verhört. Der wahre Täter war unbehelligt geblieben, hatte weiter morden können. Die Bevölkerung aber war weiter zur Mithilfe bereit.
Er beschloss, auch einen Beitrag zu leisten. Der Termin für die Abholung von Altkleidern und Altschuhen war schon seit Tagen verstrichen. Er wartete auf einen günstigen Ansatzpunkt, um eine Bemerkung einfließen zu lassen. Über die Möglichkeit, verschmutzte Beweisstücke als Altkleider entsorgen zu lassen. Er war sicher, dass mehrere der Umstehenden das der Polizei zutragen würden. Natürlich als eigenen Hinweis, schon der Belohnung wegen. Er lächelte zufrieden in sich hinein. Dann ging er nach Hause. Da er noch genug Zeit hatte, wählte er einen etwas längeren Weg. Er führte ihn an den Behältern der Altkleidersammlung vorbei. Als sie in Sichtweite waren, spürte er eine gewisse Verunsicherung. Sie wich mit der Annäherung an die Behälter. Schließlich konnte er den Grund für die Unsicherheit ausmachen. Die Behälter waren noch nicht geleert worden. Sie konnten schon nicht mehr alle blauen Säcke fassen. Mehrere lagen schon vor den Behältern. Die Abholung hatte sich offensichtlich verzögert. Ein Streik möglicherweise. Er überlegte, ob er seinen Altkleidersack herausholen sollte. Er verwarf diesen Gedanken. Es würde auffallen. Zumal er den Sack nicht sah. Er würde wühlen müssen. Das würde beobachtet werden. Man würde die Beobachtung melden. Ihn bald nach dem Verbleib des Sackes fragen. Von Unruhe begleitet ging er weiter. Er erkannte, dass Tage der Ungewissheit vor ihm lagen.

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