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Es saß da und spielte. Gehörte und erfundene Melodien. Reproduzierte und variierte Erinnerungsfetzen. Manchmal ohne Zusammenhang. Manchmal einer gewissen logischen Entwicklung folgend. Manchmal sprunghaft. Manchmal von einem Zitat zum andern gleitend. Mal mit geschlossenen Augen. Mal mit halb geöffneten Augen. Teilweise nur sich selbst wahrnehmend. Teilweise die Umgebung ahnend. Manchmal, weil Geräusche von Beifall vernehmbar waren. Manchmal, weil jemand sehr nah bei ihm stand. Manchmal, weil er einen auf ihn gerichteten Blick spürte. Meist verdrängte er die äußeren Einflüsse. Niemals hatten sie Einfluss auf sein Spiel. Außer, es pfiff oder summte jemand mit. Dann wechselte er sofort die Melodie. Er verabscheute solche Einmischungen. Sie machten ihn unfrei. Mitpfeifen behinderte seine Freiheit, jederzeit über die Fortsetzung seines Spielens entscheiden zu können. Mitsummen ebenso. Er summte lieber selbst mit. Manchmal. Unhörbar für andere. Wenn er neben sich stand und auf sein sitzendes Ich herabsah. Die Selbstbegleitung dauerte meist nicht lange. Meist wendete er sich bald gelangweilt ab und ließ sich allein zurück. Er erkannte dann, dass er sich mehr auf sein Spiel konzentrieren musste. Er schloss dann die Augen fest, bis er wieder zufriedener mit seinem Spiel war. Er vernahm dann bald wieder stärkeren Beifall.

Er öffnete kurz die Augen und ließ sie während seines Spiels die Umgebung abtasten. Zwei Augen in seiner Umgebung versuchten, seinen Blick aufzufangen. Er war irritiert. Ließ den Blick weitergleiten. Schloss die Augen. Öffnete sie wieder. Ließ den Blick zurückgleiten. Fand wieder das Augenpaar. Es versuchte, seinen Blick zu fesseln. Er ließ dies zunächst zu. Dann weitete er seinen Blick. Er erfasste das Umfeld der Augen. Er sah das Gesicht. Er sah das Mädchen. Er kannte es nicht. Es war schön, aber er kannte es nicht. Es war schön, es war jung, und es hielt seinen Blick fest. Er griff nun selbst nach dem Mädchen. Mit seinen Augen. Nach ihren Augen. Er hörte sein Spiel intensiver werden. Er hörte Raunen in seiner Umgebung. Beifälliges Raunen. Dennoch störte es ihn. Er befürchtete Störungen seiner Konzentration. Sie war jetzt nötiger als Beifall. Es war nicht einfach, den Blick des Mädchens festzuhalten. Zu zeigen, dass sie seinen Blick weiter festhalten sollte. Dies auch in seinem Spiel auszudrücken. Aus sich herauszugehen. Sich neben sich zu stellen. Sich beim Spielen zuzuhören. Sich dabei zu beobachten, wie er gebannt auf das Mädchen sah.

Er hob ab. Er schwebte über sich. Er wusste jetzt, dass sein Spiel gut war. Gut wie noch nie. In der neuen Position sah er nur noch sich. Das Mädchen war nicht mehr in seinem Blickfeld. Nicht in der erhöhten Position. Der intensive Kontakt zu dem schönen Mädchen bestand aber weiter. Das bewies ihm das Spiel seines sitzenden Ichs. Beifall erdröhnte. Brachte ihn wieder auf den Boden. Ließ ihn wieder in sich gehen. Er brachte sein Spiel zu einem passenden Ende.

Für eine gewisse Zeit ließ er die Augen geschlossen. Dann öffnete er sie. Er blickte immer noch in die selbe Richtung. Dahin, wo er das Mädchen gesehen hatte. Zu den Augen, die ihn gefesselt hatten. Er spürte ihren Blick nicht mehr. Er sah das Mädchen nicht mehr. Er suchte seine Umgebung ab. Er fand weder den Blick, noch das Mädchen. Nicht im Menschenkreis, der ihn umgab. Er versuchte den Horizont zu erreichen. Es gab Schatten, die in Frage kamen. Es gab aber kein Erkennen der Schatten. Sie waren zu weit entfernt für Blickkontakte. Er schloss kurz die Augen. Er öffnete sie wieder. Dann nahm er sein Instrument und ging.

Er wusste, er würde wieder kommen. Er würde da sitzen. Er würde spielen. Er würde auf den Blick warten. Auf das Mädchen. Jeden Tag.

 

One Response to “Der Musiker und das Mädchen”

  1. Jenny sagt:

    Schöne Geschichte und guter Blog. Weitermachen 😉

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